Blödsinn

Als halbwegs denkender Mensch begegne ich immer wieder Blödsinn. Blödsinn, der mich sauer macht. Wie z. B. dem Depressionsgehirn. Dem Depressionsgehirn begegnete ich erstmalig im Rahmen einer Gruppentherapie bei der Psychologin Frau V. Sie erinnerte mich ein wenig an Dolores Umbridge aus dem fünften Harry-Potter-Band. Süßes Lächeln, süße Löckchen, weiche Stimme, sehr plüschig, sehr nervig, sehr wenig empathisch und ein bisschen sadistisch…

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Diplompsychologin V. Name von der Redaktion geändert. Reha 2018. Wie ich sie im letzten Jahr gesehen habe.

Bereits in unserer ersten Sitzung kam es zum Eklat. Wir waren eine Gruppe aus Indiviualist*innen. Die Creme-de-la-Creme der Burnout- und Depressionsgeplagten: der zornige Dirk, die feinsinnige Alice, der tapfere Mike, der jähzornige Stefan, die furchtlose Susanne… Susanne warf den Stein des Anstoßes, als sie beschrieb, wie schwer es ihr in der Depression falle, überhaupt aufzustehen, dass sie zum Teil regelrecht in einen Stupor (eine vollkommene Erstarrung) gerate. Frau V. analysierte das Problem sekundenschnell messerscharf und lieferte Diagnose und Therapie in einem Rutsch: „Das ist nur ihr Depressionsgehirn, das ihnen einflüstert, sie sollen liegenbleiben. Das müssen sie einfach mit ihrem Willen ausschalten und einfach aufstehen.“ Totenstille. Für einen Moment. Dann hörte ich mich sagen: „So einfach ist das, glaube ich, nicht. Und könnten sie bitte erklären, was ein Depressionsgehirn ist?“ Antwort: „Doch das ist einfach. Und das Depressionsgehirn ist der kranke Teil ihres Gehirns, der ihnen einflüstert, liegen zu bleiben.“ „Ach so, der kranke Teil meines Gehirns. Also doch bekloppt.“, wollte ich sagen, hörte mich aber sagen: „Könnten sie das noch etwas weiter ausführen? Also, ich meine, dass der Hirnstoffwechsel betroffen ist, weiß ich, aber von einem Depress…“ Da kam auch schon die Antwort: „Nein. Das kann ich nicht. Die Lösung ist einfach. Sie müssen nur wollen.“ Damit war die Sitzung beendet. Frau V.s Diagnose hatte Folgen. Wir sprachen mit den Oberärzt*innen, dem leitenden Psychologen und der Klinikleitung, die uns baten, zunächst das Gespräch mit Frau V. zu suchen. Gesagt, getan. In der nächsten Sitzung suchten Susanne und ich das Gespräch. Wir erklärten, dass uns die wenig differenzierte Wortwahl getroffen hatte und wir uns mehr Empathie erhofft hatten. „Wir haben ja ohnehin mit dem Stigma Depression zu kämpfen“, fügte ich hinzu. „Vielleicht trifft uns der Begriff auch deshalb so sehr.“ Und wieder erkannte Frau V. des Pudels Kern. Messerscharf wie Ockham mit seinem Rasiermesser analysierte sie: „Sehen Sie, es liegt also an ihnen. Nicht an mir.“

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Das Depressionsgehirn. Reha 2018. Kleine Zeichnungen am Abend helfen ungemein, den Tag zu verarbeiten.

Das war der Nobelpreis in formaler Logik. Das Depressionsgehirn flüsterte uns Depressionsgehirngeschädigten ein, dass wir den Begriff „Depressionsgehirn“ nicht toll finden. Susanne hatte die Faxen dicke. Sie stand auf: „Ich denke, das hat hier keinen Sinn mehr und wir gehen besser Kaffee trinken.“ Höchststrafe für die Gruppenleiterin. Ohne dass wir es vorher abgesprochen hatten, verließen wir den Raum. Es war das erste Mal in der Geschichte der Klinik, sagte mir später Pfleger Stefan, dass eine Gruppe vollständig die Therapie bestreikte. Wer weiß, vielleicht war es der heimliche Plan der Super-Psychologin uns als Gruppe zu stärken. Oder auch nicht.

Mich hat es damals wahnsinnig geärgert, mir von einer Psychologin so einen Blödsinn anhören zu müssen. Denn genau das ist es. Blödsinn. Bullshit. Es gibt kein Depressionsgehirn. Was bitte soll das auch sein? Das Gehirn der Depression? Die geheime Machtzentrale in meinem Hirn, in der ein kranker Teufel sitzt? Natürlich weiß ich, dass eine Depression auch etwas mit dem Hirnstoffwechsel zu tun hat; dass bei vielen Patient*innen der Wunderstoff Serotonin nicht lange genug an die Synapsen gebunden wird; dass aus diesem Grund die Botschaft „Sei zufrieden!“ nicht vollständig übermittelt wird. Die Synapsen feuern offenbar in einer solchen Geschwindigkeit, dass sie das Serotonin zu schnell wieder an die unendlichen Weiten des Gehirns abgeben. Darüber hinaus haben Mediziner die Vermutung, dass die Depression wie eine Infektion auf das Gehirn wirkt, dass sie quasi eine Art Autoimmunerkrankung des Gehirns ist. Warum das aso ist, weiß kein Mensch. Es gibt viele Theorien, aber keiner weiß wirklich, was in unseren Köpfen vorgeht. Entsprechend wirken die Medikamente, die gegen die Depression und ihre Anverwandten helfen, symptomatisch. Serotoninwiederaufnahmehemmer (ich liebe diese Wortungetüme) wie Venlafaxin und Duloxetin sorgen z. B. dafür, dass das Gehirn Serotonin nicht wiederaufnimmt, sondern an den Synapsen lässt. Folge: Man fühlt sich zufriedener und der Antrieb, Dinge zu tun, steigt. An den Ursachen der Depression ändern die Medikamente nichts. Und jedes Medikament wirkt bei jedem anders. Viele fahren gut mit Duloxetin. Ich habe es gar nicht vertragen. Die depressiven Tiefs waren zwar weg, aber ich hatte mörderische Kopfschmerzen und meine sexuelle Lust war vollkommen verschwunden. Der Preis war zu hoch. „Dann probieren sie halt mal das nächste.“, sagte der Psychiater in der Klinik. Super. Wieder Nebenwirkungen durch die Eindosierung. Unkonzentriertheit, Gereiztheit, Kopfschmerzen, Übelkeit… Ich kam mir ein wenig vor wie ein Versuchskaninchen. Und lag nicht so verkehrt mit meiner Vermutung, dass keiner wirklich kapiert, was in unserem Gehirn vor sich geht.

Ich schweife ab. Was ich eigentlich sagen wollte: Es. Gibt. Kein. Depressionsgehirn. Blödsinn. Bullshit. Aber, hey, ich liebe Blödsinn und ich liebe es über Blödsinn zu schreiben. In lockeren Abständen werde ich daher meine Lieblingsbegriffe charakterisieren. Das Depressionsgehirn gehört dazu ebenso wie das Zusammenreißen. Ein Begriff, den nur ein Deutscher erfunden haben kann…

3 Kommentare zu „Blödsinn

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