Heike. Bedeutet für mich Wärme und Klang. Bedeutet für mich angenommen zu sein, einen Ort zu haben. In ihrer wunderbar verrückten Wohnung, in der schon Goethe haltgemacht hatte. Bedeutet für mich, einen Platz zu haben zwischen ihren Gitarren und in ihrem Herzen. „Du gehörst in mein Leben, auch wenn wir uns nicht sehen.“ schrieb sie mir einmal. Etwas schöneres kann man jemandem nicht sagen.
Nun ist Heike gegangen. Aus ihrem, wie sie selbst gesagt hat, wundervollen, verrückten Leben. Aber auch aus dem Schmerz. In der antiken Dichtung müssen die Flüsse ihren Lauf umkehren. Das Universum innehalten. Stillstehen. Das ewige Werden und Vergehen der Sterne und Galaxien enden. Das Universum zusammenstürzen in einen Punkt unendlicher Dichte. Doch das Universum steht nicht still. Es bewegt sich fort. Der Wind fährt in meine Haare. Fährt in den See, an dessen Ufer ich stehe. Die Wellen nehmen ihren Lauf. Eine greift in die andere. Abendrot taucht die Bäume in Winterlicht. Ich möchte schreien, weinen. Traurig. Wütend wie ich bin. Aber darin bin ich nicht gut. Im Schreien und im Weinen. Still sein ist leichter. Oder Steine flitschen lassen.
Meine Gedanken schweifen zu Heike. Mit jedem Auftitschen auf dem Wasser sehe ich ihr Lachen vor mir. Denke zurück an den Tag, als ich das erste Mal mit meiner Gitarre bei ihr im Zimmer saß. Als verunsicherter junger Mann. Denke zurück an eine sehr schwierige Zeit, als sie mir wie selbstverständlich ihr Wohnzimmer anbot und ich vier Wochen bei ihr lebte. Verbündete in unserem intensiven, verrückten Leben. Denke zurück an Momente der Stille, als wir in der Abendsonne im Licht- und Luftbad am Ufer des Mains saßen. Einem ihrer Lieblingsorte. Denke zurück an eine andere schwierige Zeit, als ich bei meinem Sohn auf Kinderintensivstation war, gefangen zwischen Hoffen und Verzweifeln. Heike lag im Nebengebäude. Keine 50 Meter entfernt. Sehen durften wir uns nicht. Das Risiko war zu hoch für sie. Wir schrieben uns. Sie gab mir Mut mit Bildern und Klängen von ihrer Gitarre Frieda, ihrer Liebeserklärung an das Leben.
Heike war meine Freundin. Sie war auch meine Lehrerin. Was ich auf der Gitarre musikalisch umsetzen kann, hat sie mich gelehrt. Indem sie mein Gefühl für die Musik öffnete. Noten wurden zu Klang. Ich denke daran, wie ich erstmals ein langes Stück in einem durchspielte, im Vertrauen darauf, dass die Musik mich leitet. Sie umarmte mich. Daran, wie sie mir Llobets Testament der Amelia erklärte, wie sie mir mit geschlossenen Augen zuhörte. An ihr Lachen, als ich immer wieder an Tarregas Telefonnummer scheiterte. Bis sie mir sagte: „Es geht um Verbindung, Nils. Darum. Nur darum. Deine rechte Hand macht den Klang. Verbinde sie mit deiner Linken. Und es wird gehen.“
Wie schlecht es um Heike stand, begriff ich erst, als Albrecht Selge die Playlist „Musik für ein Wunder“ im VAN Magazin veröffentlichte. Musik, die für Heike wichtig war. Ich hatte zu spät begriffen. Nun ist Heike gegangen. Ein wunderbarer Mensch voller Musik und voller Liebe zum Leben und zu den Menschen hat diese Welt verlassen. Und doch bleibt sie. In ihrer Musik. In ihrem Wesen, mit dem sie uns beschenkt hat. Jedesmal, wenn ich die Gitarre in die Hand nehme, wird sie da sein.
Ich bin tieftraurig und doch glücklich. Einen letzten Stein lasse ich aus meiner Hand gleiten. Warm und rund. Er titscht auf. Das Abendrot spiegelt sich im See. Unendlich langsam steigt das Wasser auf, zieht Ringe über den See, formt Kreise. Unendlich. Die Welt hält inne. Für einen Sekundenbruchteil. Steht das Universum still. Danke, Heike.