Die liebe Leistung

Heute ist Donnerstag. Donnerstag ist Therapietag mit 50 Minunten Hammersitzung bei meiner Therapeutin Frau P. In den letzten Wochen hatten wir vor allem zwei Themen, die sich wie ein roter Faden durch mein Leben ziehen: Das Bedürfnis Leistung zu bringen auf der einen Seite und das Bedürfnis nach Ruhe auf der anderen Seite. Ja. Leistung zu bringen ist ein Bedürfnis für mich. Frau P., ich weiß, Sie schlagen jetzt die Hände über dem Kopf zusammen. Na gut, zumindest verwechsel ich sie oft mit einem Bedürfnis. Vielleicht sollte ich lieber sagen, dass Leistung eine Strategie ist, mit der ich mir Anerkennung, Zuneigung und Liebe erwirtschafte. Leistung ist also nicht das eigentliche Bedürfnis, sondern der Weg, ein Bedürfnis z. B. nach Anerkennung zu stillen… Besser so, Frau P.? 🙂

Das macht mich wahnsinnig. Nehmen wir das Schreiben dieses Blogs. Es ist mir ein Anliegen offen zu schreiben, was mich bewegt, wie es mir geht. Es ist mir ein Bedürfnis, andere teilhaben zu lassen und so ein klein wenig dazu beizutragen, den Umgang mit psychischen Erkrankungen zu verändern. Dazu kommt, dass ich gerne und, ich glaube, gut schreibe. Und natürlich fühle ich mich guuuuuuut, wenn mir nach einem Beitrag die Leute sagen: „Hey Nils, großartig geschrieben. Du bist echt ein super Kerl. Das Superman-Shirt passt zu dir.“ Yes! Alles richtig gemacht. Einmal mehr anerkannt. Klar. Auch ich wünsche mir Anerkennung, Akzeptanz, einen Daumen hoch. Und ja! Ich bin eitel! Was meint ihr, wie es mir geht, wenn jemand sagt: „Gefällt mir nicht. Kann ich nichts mit anfangen. Halte ich für Quatsch.“ Autsch. Das tut weh.

Also, wie gehe ich damit um. Wo entspringt mein Schreiben einem echten Bedürfnis nach Kreativität, wo entspringt mein Schreiben meinem Wunsch nach Anerkennung? Wo ist die Grenze? Diese Frage lässt sich auf fast alles übertragen. Fahre ich mit dem Fahrrad zu Frau P., weil ich fahren will und mich auf den freien Kopf freue oder weil ich an die 40 Kilometer denke, die dann auf meinem Tacho, auf meinem Wochenkonto stehen. Das war so eine Frage, als ich heute morgen aus dem Fenster auf die dunklen Wolken sah und die Tür zum Balkon öffnete. „Brrrrr. Kalt. Lieber die Bahn nehmen.“ Kaum war der Gedanke da, spulte sich mein üblicher innerer Dialog ab: „Aber es regnet ja nicht. Warum denn dann die Bahn nehmen?“ „Stimmt auch wieder.“ „Stell dich mal nicht so an. Du kannst Geld sparen und CO2 und fit bleibst du auch.“ „Aber es ist windig und in der Bahn kann ich lesen und Musik hören.“ „Ha. Das kannst du später auch. Überleg mal, wieviel Zeit du einsparst. Komm einmal Training inbegriffen.“ „Ich will aber nicht trainieren. Ich will fahren.“ „Siehst du. Du willst fahren. Dann fahr auch.“ Hin und her, hin und her. Höre ich nie auf zu denken?

Chaos im Kopf… Frei nach Gary Larson

Ich bin natürlich gefahren, aber ich habe meinem inneren Ansporner ein Schnippchen geschlagen. Ich bin ständig angehalten und habe Fotos gemacht. Ätsch. Und es lohnt sich. Bereits auf dem Hinweg fahre ich auf der autofreien Vogelsanger Straße an Klatschmohn vorbei, der am Straßenrand in voller Pracht steht.

Klatschmohn, Kornblumen und wilde Kamille am Wegesrand im Belvedere-Gelände.

Zwei Tage zuvor war das noch nicht so. Auf dem Rückweg entschließe ich mich, meine Tour auszuweiten und über Brauweiler nach Hause zu fahren. Der Himmel klart auf und ich freue mich darauf, später an einem meiner Lieblingsplätze, am Wegekreuz bei Manstedten, eine Pause einzulegen. Im Belvedere-Gelände komme ich kurz vor Widdersdorf an einer Aussichtsplattform vorbei, von der aus man einen Blick auf Köln haben müsste. Ich war noch nie oben Tatsächlich habe ich nach kurzer Kletterei mit Fahrradschuhen einen tollen Blick über das Belvedere, dessen Weizenfelder sich vor mir ausbreiten, und auf einen Himmel, der mich an meine Heimat Ostfriesland erinnert. Die Wolken sehen schön aus.

Wolken über dem Belvedere. In der Ferne Müngersdorf.

Im übrigen der Wind. Es ist kalt hier oben und ich mache mich auf den Weg und fahre weiter quer durch Widdersdorf, einen der umstrittensten Stadtteile Kölns: halb gewachsenes Dorf, halb Trabantenstadt mit vielen neuen Reihenhäusern im amerikanischen Stil. Für mich sieht das alles gleich aus. Für mich wäre das nichts. Aber jedem das Seine.

Während ich rolle, denke ich über mein Lebensthema nach. Schon sehr früh, als sehr kleines Kind lernte der kleine Nils, dass Leistung mit Anerkennung und Zuneigung belohnt wird. Sehr früh war ihm bewusst, dass er so, wie er war, nicht genügte, dass er immer ein bisschen mehr tun musste als andere, um den Ansprüchen seiner Eltern zu genügen. Zwar gab es für schlechte Leistungen in der Schule keine Strafe im eigentlichen Sinn, aber anderes. „Mach dir nichts draus. Du kannst es eben nicht besser. Wir müssen uns damit abfinden, dass du ein bisschen dumm bist und dir Lernen nicht leicht fällt.“ Das hören Kinder gerne. Für den kleinen Nils lag es nahe, sich eine Strategie zurechtzulegen, mit der er sein Bedürfnis nach Anerkennung, Akzeptanz und Zuneigung befriedigen konnte. Die Strategie, die ihm das Überleben in seinem Elternhaus sicherte, hieß: Leistung. Leistung, die sich vor allem während seiner Teenagerzeit Bahn brach. Der nicht mehr so kleine Nils brachte auf allen Ebenen sehr gute Leistung: Mittelstrecken- und Langstreckenlauf: Niedersächsische Spitze. Klassische Gitarre: State of the Art. Klassicher Chorgesang: Niedersächsische Jugendauswahl. Schulische Leistungen: Gut bis sehr gut. Gesellschaftliches Engagement: Schulsprecher. Die Bewunderung zumindest seiner Eltern war ihm sicher, solange er die verschiedenen Bälle sicher jonglierte. Der leistende Nils grenzte sich stark von seinen Mitschüler*innen ab: Seine Interessen lagen in der Philosophie, Kunstgeschichte, Renaissancemusik und Literatur. Selbst sein Vater, der seine bildungsbürgerlichen Wurzeln nicht leugnen konnte, fand das merkwürdig. Stimmen, die dem kleinen Nils sagten, „Wir finden dich ganz in Ordnung, weil du du bist.“, hörte er nicht. Vielleicht war ihm nicht bewusst, dass es diese Stimmen gab. Irgendwann jonglierte der kleine Nils mit zu vielen Bällen. Mit 18 kam die erste schwere Depression, denn das Fundament, das ihm seine Leistungen überhaupt ermöglichte, unerschöpfliche Kreativität und Fantasie und Hingabe an die Dinge, die ihn begeisterten, dieses Fundament brach weg. Ein Ball nach dem anderen fiel zu Boden. Körperliche Leistungsfähigkeit: Weg. Freundin: Weg. Gefühl für die Musik: Weg. Schulsprecherjob: Weg. Schulnoten: Einbruch. Hingabe: Ausgelöscht. Der kleine Nils hatte sich selbst verloren.

Das Muster oder die Strategie „Zuneigung gegen Leistung“ werde ich nicht loswerden. Es ist zu stark in mir verankert, quasi einbetoniert. Würde ich es herausreißen, würde ich einen Teil von mir selbst herausreißen. Aber ich kann lernen, anders mit diesem Muster umzugehen und vielleicht auch einen anderen Blick auf den Zusammenhang von Leistung und Leben zu gewinnen. „Radfahren ist da eine gute Hilfe“, denke ich, als ich in Geyen langsam den Wirtschaftsweg nach Manstedten hinauffahre und am Wegekreuz unter der Birke halte.

Wegekreuz auf der Strecke nach Manstedten. Im Hintergrund die Glessener Höhe.

Einer meiner Lieblingsplätze: In Richtung Westen sehe ich die Glessener Höhe, im Nordwesten produziert das Braunkohlekraftwerk Frimmersdorf Wolken, die trotz des Windes nahezu senkrecht in den Himmel steigen. Offenbar weht in Bodennähe heute mehr Wind. Fürs Radfahren ist das, na ja, suboptimal, zumindest wenn es in Richtung Westen geht. Meine Leistung auf dem Rad, die Watt, die ich getreten habe, brachten mich an diesen ruhigen Platz. Ist es wichtig, wie schnell ich hierhin gekommen bin, wie hoch die Wattzahl ist? 42 lange Jahre habe ich gebraucht, um zu begreifen, dass der Weg nicht nur das Ziel ist, weil der Weg schön ist, sondern auch weil mein Weg mich an einen anderen Ort bringt. Wichtig ist nur, dass ich ihn gefahren bin, dass ich mich auf den Weg gemacht habe.

Aber auch abgesehen davon. Leistung für sich macht vieles möglich: Einen guten Schulabschluss, einen guten Job mit einem entsprechenden Verdienst. Leistung zieht, wenn es gut läuft, eine Gegenleistung nach sich. Problematisch wird es in meinen Augen dann, wenn wir die Leistung mit dem Menschen verwechseln, der hinter der Leistung steht, wenn wir den Wert des Menschen nach seiner Leistung bemessen. Genau das scheint aber ständig zu passieren: Ich leiste, also bin ich. Denn ich wenn ich leiste, dann ermöglicht mir die geldwerte Gegenleistung Konsum. Je mehr wir konsumieren, desto mehr muss ich zuvor geleistet haben. Frei nach dem Motto: Mein Auto, mein Haus, mein Boot. Konsum als Wattmeter… Nils der fahrradfahrende Hobbysoziologe… Dabei sollte der Wert des Menschen, wenn ich den großen Religionen und den ethischen Ansätzen der verschiedenen Philosophien folge, unabhängig von dem sein, was er leistet. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Steht irgendwo. Wirkt auf mich manchmal anders.

In der Ferne Frimmersdorf

In der Schule läuft es im übrigen ähnlich. Wir Lehrer*innen sollen den Schüler*innen helfen, ihre Persönlichkeit zu entfalten, ihre Begabungen fördern und ihnen gleichzeitig eine solide Grundlage an Wissen, Allgemeinbildung und Fähigkeiten vermitteln (Neuerdings ersetzen Kompetenzen Wissen, Allgemeinbildung und Fähigkeiten. Aber das ist eine andere Debatte). Zu oft stellen wir die Leistungen der Schüler*innen in den Vordergrund, nicht deren persönliche Entwicklung. Das ist kein Wunder. Ständig werden wir angehalten, ihre Leistungen zu messen und in Ziffern festzuhalten. Schließlich müssen sie und natürlich unser Bildungs- und Wirtschaftssystem im internationalen Vergleich bestehen. In diesem unschönen Prozess verwechseln wir Leistung mit Begabung. Leistungsfähigkeit lässt nicht immer auf besondere Begabung schließen. Im Gegenteil haben begabte Schüler*innen häufig Schwierigkeiten ihre Begabungen in Leistungen umzusetzen, weil ihr Denken nicht der Norm entspricht und Zeit braucht zu reifen (Keine Sorge. Ich glaube nicht, dass jedes Kind mit Schulschwierigkeiten hochbegabt ist). Wir lassen durch diesen Irrtum Potential liegen. Schlimmer wiegt jedoch, dass viele Schüler*innen auf die vermeintliche Aussagekraft von Noten hereinfallen. Sie sind scharf auf Noten, vergleichen sich beständig mit anderen und verwechseln eine Ziffer mir ihrem persönlichen Wert. Genau das bringen wir ihnen bei. Das ist einer der Gründe, warum ich nicht mehr in der Schule arbeiten möchte, obwohl mir das Unterrichten Spaß macht und obwohl ich ein guter Lehrer bin. Mich wundert es überhaupt nicht, dass seelische Erkrankungen bei Schüler*innen zunehmen.

So! Das war jetzt mein bildungspolitischer Rundumschlag. Eigentlich wollte ich über Leistung schreiben. Ich habe mich hinreißen lassen. Sorry. Langsam wird mir auch am Wegekreuz kalt. Der Wind pfeift ganz schön. Nix mit 30 Grad. Zurück aufs Rad. Hinter Manstedten zieht die Landstraße sich in einer langestreckten Linkskurve den Villerand hinunter nach Pulheim. Wind, Neigung und Kraft tun das ihre: Mit gut 53 km/h schieße ich in Richtung Pulheim. Es macht unglaublich Spaß. Der aber an der Brücke über die Bundesstraße endet. Den Wettbewerb mit der Schwerkraft habe ich noch jedesmal verloren. Die letzten Kilometer nach Hause verlaufen wie immer: Über die Felder am alten Rheinarm, vorbei am Rittergut Orr, rechts runter nach Auweiler, die letzte leichte Welle und schließlich der Escher Entensprint von Auweiler bis zum Kreisverkehr in Esch.

Was das Thema Leistung betrifft, werde ich weiter nachdenken. Ich merke, dass ich wesentlich kritischer auf mich selbst als auf andere blicke. Nie würde ich auf die Idee kommen, den Wert der Menschen, die mir nahe sind, nach ihrer Leistung zu bemessen. Ich schätze, mag und liebe sie, weil sie sie sind. Nehme ich wahr, dass sie sich fertig machen, weil sie etwas nicht so geschafft haben wie geplant, reagiere ich mitfühlend und zeige ihnen, dass ich sie deswegen nicht weniger mag. Wenn es um mich geht, gelingt mir das weniger gut. Es bleibt ein Prozess.

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