Tour de Eifel

Franz hat gepostet. Radmarathon in Rodenkirchen. 201 Kilometer durch die Eifel. 2550 Höhenmeter. Wer ist dabei? Ich natürlich. Nur Thomas muss ich noch überzeugen. Ich muss ein bisschen betteln. Schließlich stehen wir Sonntagmorgen um 6:30 Uhr am Startpunkt in Rodenkirchen. Mit dabei: Ursula – Die Eifelkönigin. Georg – Der Eifelblitz. Franz – Der Speedster. Stefan – Der Mann mit den eisernen Beinen. Ralf – Captain Endurance. Jörg – Mr. Hochfrequenz. Die Avengers der Casa Ciclista. Und dann sind da Thomas und ich. Die Praktikanten.

Fahren mit den großen Jungs und Mädels. Was tue ich hier? Erstmal hole ich Thomas und mir einen Kaffee. Der Mann hinter der Theke wittert ein Opfer. „Nur zwei Kaffee? Nicht noch ein Nutellabrötchen dazu?“ „Nein. Danke. Lass mal.“ Er: „Fährst du den Marathon? 200 Kilometer sind laaaang, dazu 17 Anstiege.“ Ich: „17 Anstiege, in Worten siebzehn???“ Er: „Japp. Irgendwo müssen die Höhenmeter ja herkommen. Jetzt komm schon. Nutellabrötchen?“ Ich ergebe mich meinem Schicksal und werde prompt von irgendwem fotografiert, als ich mir das Nutellabrötchen in den Mund schiebe.

Gegen 7:00 machen wir uns auf den Weg. Treffen aber auf die verspäteten Ralf und Jörg und warten. Ein Wagen hält neben uns. Die Scheibe fährt runter. Es folgt ein göttlicher Dialog. Typ im Wagen: „Hi.“ Keine Reaktion von unserer Seite. Dann nachdrücklich: „Guten Morgen.“ Stefan: „Ach, Gott! Mensch, fährst du auch die 200.“ Den Rest verstehe ich nicht ganz. Der Typ fährt weiter. Franz: „Das war also Gott.“ Stefan: „Ja.“ Franz: „Und fahren wir jetzt los? Oder warten wir auf Gott?“ Stefan: „Lass uns fahren. Gott wird uns einholen, wenn er es denn will.“ Tatsächlich werden wir Gott am Wendepunkt begegnen. 40 Minuten wird er zu diesem Zeitpunkt auf uns gut gemacht haben. Wahnsinn.

Warum mache ich das? Warum stehe ich sonntags um 5:00 Uhr auf und fahre 200 Kilometer mit dem Rennrad? Es gibt einen Zeitpunkt, da möchte ich einfach wissen: Waren diese 230 Kilometer nach Eupen und zurück eine einmalige Sache, wird es mir wieder so schwer fallen oder ist der Knoten geplatzt. Seit Bonn ist meine Angst vor Steigungen weg. Zu Recht? Ich will wissen, ob ich das wiederholen kann. Das ist das eine. Das andere: Mir geht es nicht gut. Die ständigen Absprachen mit Handwerkern, Bankberatern, Versicherungsleuten, Umzugsleuten, Notaren. Sie fressen mich auf, sie ziehen Energie. Trotzdem bin ich am Samstag mit Adina, Flora, Leander, Jenke und Mio auf den Turm des Kölner Doms. Obwohl mir klar war, wie fordernd die Enge auf den Treppen und die Geräuschkulisse für mich sein würde. Ich wollte das unbedingt. Für die Kinder. Aber auch für mich. Und ich habe es geschafft. Mit Jenke auf den Schultern: 557 Treppenstufen und 130 Höhenmeter stapfe ich in einer Gruppe von Leuten nach Oben, die sich beschweren. Weil es nach oben geht. Tja. Deswegen heißt das Turm. Immerhin. Sie gehen hoch. Andere halten den Fahrstuhl in die Tiefgarage für den Fahrstuhl nach oben. Und suchen verzweifelt den richtigen Knopf. Kein Scheiß. Lärm und Enge bringen mich an meine Grenze, ich spüre einen Anflug von Panik und habe die hoffentlich unbegründete Sorge, dass der Dom unter uns zusammenfällt. Man weiß nie. In Köln. Ich bin froh, als wir unten sind. Und ich bin froh, dass wir oben waren. Ich brauche Ruhe. Ich hoffe, dass das Fahren und die Landschaft helfen.

Gemeinsam fahren wir in Richtung Eifel. Vor mir fährt Jörg. Die rollende Nähmaschine. Er tritt eine Frequenz, bei der ich vom Rad katalpultiert würde. An der Spitze unseres Zuges: Franz und Stefan, der unbeirrt Windmühlen tritt. Eine Frequenz, bei der mich die Erschöpfung vom Rad sinken lassen würde. Die drei fahren ohne ein Zeichen von Ermüdung im Wind, bis es langsam bergauf geht. Mir ist klar, dass die anderen Thomas und mich an die Wand fahren können, wenn sie es denn wollten. Aber keiner will. Alle sind hier, weil sie Spaß am Fahren und Spaß am Fahren in der Gemeinschaft haben. Je weiter sich die Hochebenen der Eifel vor uns öffnen, desto schweigsamer werden wir.

Eifelpanorama aus der Sicht eines Amateur-Expressionisten

Ich glaube nicht, dass es an der Anstrengung liegt, eher an der Landschaft. Jeder fährt eine Weile für sich und genießt das Panorama aus Feldern, Wald und kleinen Dörfern. Ich komme langsam zur Ruhe, vergesse die vielen Gedanken und Sorgen, trete eine Weile still vor mich hin. Kurz nach der zweiten Kontrollstelle kommt ein kurzer, aber knackiger Anstieg. Ich weiß nicht, was mit meinen Beinen los ist, aber ich trete in die Pedale wie ein junger Gott und erreiche gemeinsam mit Franz und Stefan die Kuppe. „Gib dem Jungen einen Riegel und der kann fahren.“, grinst Stefan mich an. Sein Lob tut gut.

Etwas später. In kurzen Kehren zieht sich die Straße nach oben. Am Hang spenden Tannen Schatten. Irgendwo vor mir fahren Franz und Stefan mit Sebastian, einem Freund aus dem Team Nutrixxon. Nach einiger Zeit schließt Ursula zu mir auf. „Die zweite Luft der Ursula S.?“ rufe ich ihr zu. Sie setzt sich neben mich. „Ja, das ist genau meins. Solche Anstiege liebe ich. Mensch, Nils. Du bist aber gut drauf! Das hätte ich nicht gedacht. Da habe ich dich wohl ein bisschen unterschätzt.“ Ursula hat seit Jahresbeginn 10 000 Trainingskilometer und 152 000 Höhenmeter in den Beinen. Um ihre Leistung zu verdeutlichen: Sie hat ein Viertel der Erde umrundet und ist 17,17 Mal den Mount Everest hinauf gefahren. Ich habe seit Jahresbeginn ein Viertel ihrer Kilometer absolviert und einmal den Mont Blanc in den Beinen. Was ja nicht Nichts ist. Umso mehr freue ich mich über ihre Worte. Das Lob der Eifelqueen geht runter wie Öl. Ursula setzt ihren Weg nach oben fort und fährt scheinbar mühelos an unser Spitzentrio heran. Ich versuche gar nicht erst nachzusetzen, sondern fahre in meinem Tempo die letzte Kehre. Und stelle fest, dass es über eine Hochebene leicht, aber stetig bergauf geht. Toll. Ganz toll. Warum wollte ich in die Eifel? Hinter mir schließt Georg auf. Ich höre seine Schaltung klicken. „Ssssit. Ssssit. Ssssit.“ zieht er an mir vorbei. Ich habe nichts entgegenzusetzen. Muss ich aber auch nicht. Wir erreichen den Kontrollpunkt auf der Hälfte der Strecke. 99 Kilometer und 1200 Höhenmeter sind geschafft. Weitere 1300 werden folgen. Es gibt Nudelsuppe, Milchreis, Bananen. Wir treffen Gott. Herz, was willst du mehr? Kölsch. Natürlich. Später.

Etwa 30 Kilometer weiter fahren wir die nächsten Serpentinen hoch. Ich bin ziemlich schnell und wunder mich noch, warum meine Gänge schon aus sind. ‚Das kann was werden‘, denke ich, ‚wenn das noch lange geht.‘ Ich bin müde, aber irgendwie rollt es. Ich schaue nach hinten. Die Kette liegt auf dem größten Ritzel. Komisch. Ich schaue nach unten. Kette rechts. Ich, der Flachländer, fahre einen Anstieg auf dem großen Blatt. Ich staune. Vielleicht sollte ich das öfter probieren. Nicht soviel denken. Einfach fahren. Es folgt die Abfahrt in das wunderschöne Sahrbachtal. Abfahrten sind noch nicht meins. Kann ich dem Material vertrauen? Vor allem: Kann ich meinen Fahr- und Bremskünsten vertrauen? Was, wenn ich eine Kurve falsch anfahre? Nicht denken. Fahren.

Wir rollen leicht bergab durch das Tal und biegen schließlich links nach Berg ab. So heißt der Ort. Nicht umsonst. Ralf und Jörg hatten mich gewarnt. Ich erkenne die Serpentinen wieder. Vor Wochen bin ich sie von der anderen Seite gefahren. Runter. Jetzt geht es rauf. Giftig rauf. Wenigstens ist es schattig. Für zwei Kilometer schaffe ich es, an Ursulas, Ralfs und Jörgs Hinterrädern zu bleiben. Sie unterhalten sich, als wäre nichts. Ich komme an meine Grenzen und lasse schließlich abreißen. Bringt nichts. Ich kämpfe mich die Straße rauf. „Endlich oben“, denke ich, als ich in offenes Gelände komme. In der Ferne sehe ich Berg. Ich folge einer Linkskurve. Vor mir zwei Wellen. Erst runter. Dann rauf. Noch einmal runter und wieder rauf. Zweimal rauf also. Scheiße. „Lügner!“ schreien meine Beine, „Wir sind gar nicht oben!“ Sie machen dicht. Irgendwie komme ich trotzdem rüber und wackel durch die Ortschaft namens Berg. Keine Richtungspfeile. Habe ich mich verfahren. Ich mag nicht mehr. Mein Kopf macht sich Gedanken und bettelt. Kurz die Beine ausschütteln? Nur ganz kurz? Bitte! Ganz kurz nur runter vom Rad und auf Thomas warten. Ich gebe nicht nach. Weiß, dass das fatal wäre. Die Müdigkeit wird vorbeigehen. Ich taumel aus dem Ort hinaus und sehe die nächste Welle. Scheiße. Was mache ich hier? In 500 Meter weiter blitzt etwas blau und rot zwischen den Bäumen. Ursula und ihr blauer Renner. Ich fahre über die Kuppe, erreiche schließlich Ursula, Ralf und Jörg. Packe eine Stabel-Burger aus. „Deswegen fährst du so gut.“, lacht Ralf.

In der Ebene. Seitenwind. Vorne rackert sich Georg ab und fährt auf einsamen Wirtschaftswegen im Wind. ‚Das ist mein Metier. Das kann ich richtig gut. Vorne im Wind. Ich kann ihn ablösen.‘ denke ich. Aber kann ich mir das erlauben? Als Rookie an einem Haudegen wie Georg vorbeifahren. Rennradfahren ist ein besonderer Sport. Ein Sport, der viel abverlangt. Vor allem ein Mannschaftssport. Man hilft sich, man unterstützt sich. Nicht so viel denken. Ich ziehe an Georg vorbei, setze mich vor ihn und fahre die nächste halbe Stunde im Wind, bis Jörg vor mich zieht. Einige Zeit später. Kurz vor Köln. Franz und Stefan vorne. Wir verlieren den Anschluss. Die Lücke 60, vielleicht 70 Meter. Das kann eine kleine Ewigkeit auf dem Rennrad sein, vor allem wenn man allein ist, aber wir sind nicht allein. Wir sind ein Casa-Zug. Adrenalin schießt in meine Glieder, ich fahre links raus, setze mich an die Spitze und trete und trete und trete, bis wir an den beiden dran sind. Geil. Was für ein Gefühl. Schnell. Fahren. Im Wind. Was für ein Spaß.

Wieder in Rodenkirchen. Kein Kölsch. Aber alkoholfreies Weizenbier in Mengen. Und das Kölsch gibt es später auch noch.

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