Unterwegs mit Gerhard Schick

Wird eine zentrale Rolle spielen…

Ein interessantes Projekt ist endlich angelaufen. Der Dokumentarfilmer Gerhard Schick dreht einen Film über die Angehörigen psychisch kranker Menschen. Anders als in seinem Film „Das dunkle Gen“ will er diesmal nicht die Erkrankung „Depression“ selbst in den Vordergrund stellen, sondern das Erleben der Angehörigen, die häufig vollkommen allein gelassen werden mit dem Ausnahmezustand eines vertrauten Menschen. Er will dafür sensibilisieren, wie sehr Depressionen die Angehörigen belasten und wie sie auf ganze Familiensysteme übergreifen können. Gleichzeitig möchte er zeigen, dass Offenheit hilft.

Tatsächlich gibt es Anlaufstellen wie den Kölner Verein „Rat und Tat“, der sich speziell für Angehörige psychisch kranker Menschen einsetzt. Einer breiteren Öffentlichkeit sind diese Anlaufstellen aber kaum bekannt. Denn erstens steht der Erkankte im Fokus der Behandlung. Die Angehörigen werden, auch wenn es auf dem Papier anders aussieht, selten eingebunden: Teilweise werden sie nicht oder unzureichend über die Erkrankung und über Behandlungsmethoden informiert. Teilweise hören sie abenteuerliche Durchhalteparolen, dass sie sich z. B. nicht runterziehen lassen sollen (Ach nein!). Teilweise stellen Ärzt*innen ihnen abenteuerliche Fragen, z. B. wie in meinem Fall: „Warum können sie ihre wahnhaft depressive Mutter nicht zu Hause pflegen? Sie ist ja nicht akut suizidal.“ In Situationen wie diesen zu argumentieren, gleichzeitig die eigene Wut hinunter zu schlucken und die Faust in der Tasche zu machen (man ist ja angewiesen auf den Arzt), ist nicht leicht.

Zweitens ist es für die Angehörigen ebenso schwierig über die Depression zu sprechen wie für die Erkrankten. Niemand spricht gerne darüber, dass der Partner in der Psychiatrie ist. Auch Adina und ich hatten nach außen hin stillschweigend die Regelung, dass ich eine Art Kur mache. Nur der engste Kreis wusste, dass ich in der Psychiatrie war (ja, auch die psychiatrische Tagesklinik ist eine Psychiatrie). Warum wir das so geregelt haben? Ich glaube zum einen, um uns zu schützen; zum anderen, weil es auch für Adina anstrengend und belastend war, die Situation zu erklären, und weil die Angst mitschwimmt, wie das Gegenüber reagieren wird. Stigmatisierung und Tabuisierung machen es den Angehörigen schwer, offen zu sprechen. Es kostet Überwindung sich als Angehöriger Hilfe zu suchen.

Auch deshalb bin ich froh, eine Rolle in dieser Dokumentation zu spielen. Tatsächlich bin ich so eine Art Schnittmenge, denn ich kenne beide Seiten: die des Angehörigen, der mit dem Schicksal seiner Mutter von professioneller Seite alleine gelassen wurde, und die des Erkrankten, der Frau und Kinder hat. Ich glaube eine Ahnung zu haben, wie es Adina an manchen, vemutlich an vielen Tagen mit mir und meiner Depression geht. Sorge und Angst, aber auch die Unsicherheit, wie man mit dem Menschen und seiner Krankheit umgehen soll, machen auf die Dauer fertig.

Angekommen in Rheidt

Heute also der erste Drehtag. Durchgeschwitzt von der Anfahrt mit meinem Pinarello stehe ich am Schaltwerk in Rheidt. Es ist kurz vor 17:00 Uhr und die Sonne brennt immer noch auf den Asphalt. Wenigstens spenden Buchen und Eichen Schatten. Heute werde ich das erste Mal in meinem Leben vor der Kamera stehen. Gerhard möchte mich beim Rennradfahren auf einigen meiner Lieblingsstrecken aufnehmen und dann zwei kurze Gespräche darüber führen, warum mir gerade das Radfahren so gut tut und wie ich als Sohn einer depressiven Mutter groß geworden bin. Ich bin nervös und deshalb froh, als Gerhard, der Kameramann Henning und der Tonmann Sebastian in einem riesigen Sprinter um die Ecke biegen. Kurze Begrüßung. Dann wird ausgeladen. Ich bin perplex. Ein Klassiker der Fahrradmanufaktur, Gerhards 90er Trekkingbike, ein uraltes Damenrad mit Klackerdingern im Vorderrad und ein E-Donkey Lastenrad sowie zig Taschen und Rucksäcke füllen den kleinen Parkplatz. Wo soll das alles hin? Und wer fährt das vierte Rad? Gerhard meint auf meine ungläubige Nachfrage: „Das ist leichtes Equipment.“ Und dann geht es auch schon los.

Leichtes Equipemt überbelichtet… im Hintergrund Sebastians Ton-Fahrrad

Zwei Räder bleiben im Wagen. Henning sitzt auf der Ladefläche des Donkeys, Gerhard muss mit dem Kamerarucksack auf dem Rücken treten und Sebastian müht sich, auf seinem alten Damenrad hinter uns her zu kommen. Links von uns erstrecken sich Weizenfelder in der Abendsonne, Windräder drehen sich langsam. Henning filmt mich aus allen möglichen Perspektiven. Ich versuche seinen Anweisungen zu folgen. Gar nicht so leicht auf dem Rad. Nachdem wir einige Aufnahmen gemacht haben, halten wir an einer Kreuzung auf dem Feld. Geradeaus geht es nach Stommeln, links nach Stommelerbusch, rechts nach Ingendorf und Büsdorf. Über uns steht eine Lerche und kommentiert unser merkwürdiges Verhalten mit lautem Warn-Gezwitscher. Sie wird nicht der einzige Gast bleiben. Henning wechselt das Equipment, ich werde verkabelt und Gerhard beginnt das Gespräch über das Radfahren. Eine Minute später donnern zwei Trecker an uns vorbei. Nächster Versuch. Eine Minuter später folgt ein Lieferwagen. Hennings lakonischer Kommentar: „Das ist immer so. Kameras haben eine magische Anziehungskraft.“ Der dritte Versuch wird durch ein Wohnwagengespann, der vierte durch ein Cabrio und einen SUV unterbrochen. Der eine will Richtung Büsdorf, der andere Richtung Stommelerbusch. Gegenverkehr. Hier. Mitten im Nirgendwo. Das Nirgendwo dient offenbar als ordnungswidrige Verbindung zwischen zwei Landstraßen im Feierabendverkehr. Endlich ist Ruhe. Abgesehen von der Lerche. Die steht immer noch über uns. Gerhard fragt, Henning filmt, Sebastian regelt, ich erzähle.

Ziemlich schnell rolle ich mit meinem Rad zum zweiten Drehort, zum Radweg unterhalb der Glessener Höhe. Auf einer Bank warte ich auf die anderen, die nicht mit dem Rad über die Felder können. Es lebe das Fahrrad! Der Sprinter tuckert auf den Parkplatz. Diesmal geht der Aufbau schnell. Wir rollen in der Abendsonne am Rand der Glessener Höhe entlang. Rechts von uns liegt das Kraftwerk Frimmersdorf, links Mischwald, der sich die Höhe hinaufzieht und in den Königsdorfer Forst übergeht. Mittlerweile weiß ich, was ich zu tun habe, so dass wir die ersten, wie nennt man das, Szenen, Takes, ich habe keine Ahnung, deutlich schneller abdrehen. Fasziniert bin ich, als Henning eine Drohne auspackt, mit der er mich aus über 50 Metern Höhe einfängt, während ich durch die Felder in Richtung Glessen fahre.

Im Abendlicht an der Glessener Höhe

Das zweite Gespräch kommt. Es wird intensiv, anstrengend. Es geht um meine Mutter, darum, wie ich sie als Kind erlebt habe, welche Strategien ich damals unbewusst entwickelt habe, um die Krankheit meiner Mutter zu überleben. Es fällt mir schwer, meine Gedanken in Worte zu fassen, denn die ganze Zeit plagt mich ein schlechtes Gewissen. Habe ich das Recht so über meine Mutter zu sprechen? War meine Kindheit tatsächlich so eine Katastrophe? Musste ich tatsächlich Verantwortung übernehmen, die ich nicht tragen konnte? Ich kannte meine Kindheit einfach nur als meine Kindheit. Sie war eben, wie sie war. Erst in den letzten Jahren drängte sie mehr und mehr an die Oberfläche, so dass ich spät, aber gerade noch rechtzeitig begann, um meine verlorene Kindheit zu trauern und auch Wut auf meine Eltern, besonders auf meine Mutter zuzulassen. Das war kein leichter Prozess und vor der Kamera darüber zu sprechen ist ebenfalls nicht leicht. Nach dem Gespräch bin ich erschöpft und froh, als Gerhard sagt, dass es für heute reicht. Ich glaube, dass wir nach über vier Stunden in der Sonne alle ziemlich gar sind. Ich bin es auf jeden Fall.

Und trotzdem rolle ich zufrieden, sogar glücklich über die Felder in Richtung Esch. Ein ereignisreicher Tag geht zu Ende. Ich freue mich auf weitere mit Gerhard, Henning und Sebastian.

Auf dem Weg nach Hause



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