Platten. Wind. Trecker. Unmögliche Tatsachen.

In den letzten Wochen bin ich kaum hinterhergekommen. Weder auf dem Rad noch mit dem Schreiben. Das Haus, das wir gerade bei uns im Kölner Norden ausbauen, fordert viel Zeit und Energie. Dazu kamen die üblichen frühherbstlichen Mitbringsel aus dem Kindergarten: Magen-Darm-Grippe und Erkältung. Umso glücklicher war ich, dass ich Samstag eine größere Runde mit dem Team fahren konnte, und nahm mir vor, auf jeden Fall vor Mitte der Woche noch einmal das Rad zu bewegen.

Nach der Ausfahrt. Von Rechts nach Links: Jörg, Roland, Thomas und meine Wenigkeit mit fescher Frisur.

Gesagt getan. Gestern wehte der Wind hart aus Richtung Westen, es war Nieselregen angesagt. Genau das richtige für einen verrückten Ostfriesen, der sein Regenequipement ausprobieren möchte: Bei 230 Euro für eine Jacke-Westen-Kombination und 89 Euro für einen Hauch von Regenhose erwartet man ja doch was. „Hoffentlich regnet es.“, dachte ich bei mir. Völlig plemplem. Für Nicht-Ostfriesen.

Irrfahrten durch Rommerskirchen

Bei einem Schnitt von 29,8 km/h trotz Gegenwind erreiche ich nach 20 Minuten Stommeln und fahre immer schön vorsichtig die Bruchstraße runter Richtung Stommeler Busch. Die vielen parkenden Autos nehmen die Sicht; und meistens rechnen die Leute nicht damit, wie schnell man auf dem Renner wird. Also Tempo raus, bis ich aus dem Ort raus bin. Kurz nach dem Velderhof kommt eine Schotterstrecke. Nicht schwer zu fahren. Trotzdem denke ich ‚Endlich‘, als ich den Asphalt sehe. In dem Moment fängt es an zu rattern. Ich gehe in die Bremsen. Zu spät. Tsssssssch… entweicht die Luft aus dem Hinterrad. Ein Stein hat den Mantel durchstoßen.

Platten am Hohlweg hinter dem Stommeler Bruch

Mein erster Platten dieses Jahr. Also gut, Rad ausbauen, Mantel runterziehen. Es fängt an zu regnen. Schlauch raus. Meine Jacke fliegt weg. Schlauch liegen lassen. Jacke einsammeln. Neuer Schlauch rein. Und dann beginnt das elende Gepumpe mit der Minipumpe. Sie tut, was sie soll, aber nach zehn Minuten habe ich die Schnauze voll. Aufgeben? Und nach Hause fahren? Kommt nicht infrage. Schließlich will ich meine Regenkleidung testen. Also google ich. In Rommerskirchen gibt es drei Fahrradläden. Eigentlich wollte ich weder nach Rommerskirchen noch zu einem Fahrradladen. Doch ich brauche Luft. Mit drei, vielleicht vier Bar rolle ich nach Rommerskirchen. Die ADFC Fahrradstation liegt direkt am Ortseingang. Super. Sie öffnet um 16:00 Uhr. Es ist 15:30 Uhr. Nicht Super. Also gut, auf zum nächsten Laden. Vier Kilometer weiter. Kein Fahrradladen weit und breit. Nicht super. Freund Google hat versagt. Also zurück in die ‚Stadt‘. Zwei Kilometer zurück. Kein Fahrradladen weit und breit. Freund Google versagt zum zweiten Mal an einem Tag. Was nun? Aufgeben? Nach Hause fahren? Kommt nicht infrage. Schließlich will ich… Also gut. Entnervt kehre ich bei einem Bäcker ein, gönne mir einen Kaffee und eine Laugenstange und wärme mich auf.

Kaffeepause

Um 16:01 Uhr stehe ich mit drei weiteren Kunden vor der ADFC Fahrradstation. Immer noch geschlossen. Um 16:05 greife ich zur Minipumpe und pumpe und pumpe und pumpe und pumpe. Um 16:15 rolle ich mit ungefähr 6 Bar aus Rommerskirchen raus und biege ab Richtung Hüchelhoven und Rath. Der Terra Nova entgegen. Mitten im Berufsverkehr trete ich gegen den Wind und bin froh, als ich nach Rath endlich auf den Terra Nova Speedway abbiegen kann. Jetzt erwischt mich der Wind richtig hart. Fahren an der Windkante. Mit Mühe schaffe ich mal 27, mal 28 km/h. Mein Puls klettert auf 170. Endlich bin ich auf der alten Fernbahntrasse und fahre etwas geschützter. Die Böschung macht es möglich.

Terra Nova

Der coolste Teil des Tages beginnt auf der alten kurvenreichen RWE-Werksstraße. Sie ist nass vom Regen und ich teste ein wenig aus, wie sich das Rad bei Nässe in den Kurven verhält. Ziemlich gut. Schließlich komme ich zum Terra-Nova-Aussichtspunkt und bin wieder einmal entsetzt über den Raubbau, den wir alle an der Natur betreiben.

Terra Nova – Neue Erde, neue Welt? Hmmm… ich weiß ja nicht…

Seit 1978 wurde hier ein 270 Meter tiefes Loch gebuddelt, dem 4500 Hektar des berühmten Hambacher Forsts und etliche Dörfer weichen mussten. Der Clou an der Sache: es geht noch tiefer. Kohle findet sich bis in eine Tiefe von 500 Metern. Da will man schon noch ran… Hallo? Hat irgendwer nicht zugehört? Kohle? Emmissionen? Feinstaub? Klimawandel? Kohleausstieg in 19 Jahre? RWE kann. RWE macht. Heißt ja nicht umsonst RWE Power. Zum Glück können sie erstmal nicht weiter machen. Denn in die Tiefe gehen bedeutet in die Breite gehen. Und da hat ja nun irgendein Gericht mit der Anordnung des Rodungsstop im Hambacher Forst einen Riegel vorgeschoben. Vorläufig.

Endlich der lang ersehnte Regen

Ein Riegel von Ursula. Ein Schluck Wasser. Ein Selfie. Weiter geht es. Es fängt an zu schütten. Na endlich. Ich fahre an den Rand. Richtig stolz ziehe ich meine Regenjacke an und dazu den Hauch von Regenhose. Mache das Rücklicht an. Der Regen kommt jetzt waagerecht, aber Hose und Jacke halten, was sie versprechen. Ich bleibe trocken und fahre kontinuierlich den Anstieg in Richtung Kerpen.

Im kleinen Schwarzen dem Regen trotzen

Die Verhältnisse auf dem Radweg an der Aachener Straße sind beschissen. Wurzeln haben den Asphalt aufgebrochen. Ich holper mehr, als dass ich fahre. Aber hier auf die Straße auszuweichen, wäre Wahnsinn. Endlich kann ich am Abzweig nach Kerpen auf die andere Seite wechseln und nehme den neuen Radweg. An mir rauscht ein Auto nach dem anderen vorbei. Immer noch Feierabend verkehr. In Frechen biege ich ab Richtung Königsdorf, komme nach Brauweiler und entscheide mich mit Blick auf die wesentlich schönere Strecke, den Umweg über die Felder bei Glessen zu nehmen. Ich fahre auf die Hügelkuppe, biege nach rechts ab in Richtung Mühlenhof. Einige Rennradfahrer und zwei Trecker (plattdeutsch für Traktoren) kommen mir entgegen.

Die unmögliche Tatsache

Ich grüße die Radfahrer, der erste Trecker nutzt den Grünstreifen, um möglichst weit an mir vorbeizufahren. Ich bedanke mich und sehe den zweiten Trecker, der ebenfalls weit auf seiner Seite fährt. Er passiert langsam zwei Walkerinnen. Gut, denke ich mir, das passt und umkurve zwei tiefe Schlaglöcher. Ich blicke nach vorne. Traue meinen Augen nicht. Der Trecker zieht nach links weg, auf meine Seite rüber und hält auf mich zu. ‚Ein Missverständnis‘, denke ich noch. ‚Der wird gleich bremsen.‘ Er bremst nicht. Er wird immer schneller. Ich denke nicht mehr. Reagiere nur noch instinktiv. Ich trete hart in die Pedale, reiße gleichzeitig den Lenker nach rechts, schneide den Trecker. Nur weg. Weg von diesem Monster. Der Kühlergrill schießt auf mich zu. Ich sehe den rechten Vorderreifen auf Höhe des Rahmendreiecks. Ich schreie in Todesangst, so, wie ich mich noch nie habe schreien hören. Gedanken schießen durch meinen Kopf. „Scheiße. Das schaffst du nicht. Das war es jetzt.“ Nächster Gedanke: „Wenn du viel Glück hast, erwischt er dich am Hinterrad und schleudert dich von der Straße.“ In dem Moment bin ich vorbei, sehe den Vorderreifen im Augenwickel an mir vorbeischießen, fahre ungebremst mit dem Rad in den Acker, werde abrupt gestoppt und gehe offenbar fliegen. An den Sturz kann ich mich nicht erinnern. Aber ich liege auf dem Acker. Unter meinem Rad. Eine Sekunde vergeht. Mir wird bewusst, dass ich lebe und dass ich, wie es scheint, unverletzt geblieben bin. Eine zweite Sekunde. Neben mir steht der Trecker. Der Fahrer starrt steinern zu mir runter. Er kann offenbar nicht glauben, was er sieht. Ich fange an zu schreien. Schreie meine Wut und Angst hinaus. Er klettert aus der Kanzel zu mir runter. Ich bin so voller Adrenalin. Ich bin kurz davor ihn zu schlagen. Er hebt die Arme. „Entschuldigung. Ich habe dich einfach nicht gesehen. Wo kamst du her? Entschuldigung. Es tut mir leid.“ Ich schreie weiter: „Entschuldigung? Ich hätte tot sein können, du Arsch.“ „Ja. Du hast Recht. Entschuldigung.“ So geht es hin und her. Das führt zu nichts. Was soll ich sagen? Was soll er sagen? Ich ziehe mein Rad aus dem Acker. Klopfe mir den Dreck von der Jacke und setze mich wieder aufs Rad. Die beiden Frauen halten mich an. Sagen, dass sie sich bei ihm bedankt haben für seine rücksichtsvolle Fahrweise. Dadurch hat er sich anscheinend ablenken lassen, sich umgedeht und das Lenkrad mit herumgezogen.

Ich fahre langsam nach Hause. Kurz überlege ich, mich von Thomas abholen zu lassen, aber ich spüre, dass ich auf dem Rad bleiben muss. Sonst steige ich nie wieder auf. Ich zittere und mir ist schlecht. Ich hätte tot sein können. Es ist wie ein Wunder, dass ich es geschafft habe. Mit Instinkt, etwas Fahrkönnen und sehr viel Glück. ‚Von wegen.‘ Meldet sich mein innerer Kritiker. ‚Wer musste denn egoistisch unbedingt noch was dranhängen. Das ist nur die gerechte Strafe.‘ Ich habe die Faxen dicke. ‚Halt die Schnauze!‘, fahre ich ihn an. Und er hält die Schnauze.

Ich werde eine Weile brauchen, bis ich das krasse Ende einer sehr schönen Fahrt verarbeitet haben werde. Immer wieder taucht das Bild des heranrollenden Ungetüms vor meinem inneren Auge auf. Und mit dem Bild kommt die Angst. Aber es wird werden. Ich lebe und ich bin unverletzt. Das ist das, was zählt.

Mein Trecker-Erlebnis erinnert mich an ein Gedicht von Christian Morgenstern, das ich in der sechsten Klasse auswendig gelernt habe. Die unmögliche Tatsache. Denn so kommt es mir vor, wie eine unmögliche Tatsache, dass mich ein Trecker auf einem Wirtschaftsweg aufs Korn nimmt und ich diese Begegnung lebendig und körperlich vollkommen unverletzt überstanden habe…

Die unmögliche Tatsache – Christian Morgenstern

Palmström, etwas schon an Jahren,/ wird an einer Straßenbeuge/ und von einem Kraftfahrzeuge/ überfahren.

Wie war (spricht er, sich erhebend/ und entschlossen weiterlebend)/ möglich, wie dies Unglück, ja -:/ daß es überhaupt geschah?

Ist die Staatskunst anzuklagen/ in Bezug auf Kraftfahrwagen?/ Gab die Polizeivorschrift/ hier dem Fahrer freie Trift?

Oder war vielmehr verboten/ hier Lebendige zu Toten/ umzuwandeln – kurz und schlicht:/ Durfte hier der Kutscher nicht -?

Eingehüllt in feuchte Tücher,/ prüft er die Gesetzesbücher/ und ist alsobald im klaren:/ Wagen durften dort nicht fahren!

Und er kommt zu dem Ergebnis:/ Nur ein Traum war das Erlebnis./ Weil, so schließt er messerscharf,/ nicht sein kann, was nicht sein darf.

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