Wortgeschichten – Sich zusammenreißen

Heute komme ich zu einem meiner Lieblingswörter. Sich zusammenreißen. Wie oft habe ich dieses Verb in meinem Leben, vor allem in meiner Kindheit und Jugend gehört. Ein aufgeschlagenes Knie: „Reiß dich zusammen. Dann tut es nicht so weh.“ Motivationsprobleme in der Schule: „Reiß dich zusammen. Es ist deine erste Aufgabe zu lernen.“ Liebeskummer: „Heul nicht. Reiß dich zusammen. Da musst du jetzt durch. Andere Mütter haben auch schöne Töchter.“ Ich denke, viele von uns haben ähnliches gehört. Zumindest sollen sich alle möglichen Menschen zusammenreißen. Sportler hören ständig, dass sie sich zusammenreißen müssen. Schulklassen sollen sich zusammenreißen. Oft genug habe ich selbst meine Mittelstufenklassen angebrüllt: „Jetzt reißt euch mal zusammen!!!“ (Hat noch nie funktioniert.) Ach so. Und Deutschland. Natürlich. Deutschland muss sich zusammenreißen. Sagte Erdogan. Warum, weiß ich nicht mehr.

Allenthalben soll sich zusammengerissen werden. Hat sich jemand zusammengerissen und dadurch eine Krise bewältigt, bewundern wir sie oder ihn dafür. Sich zusammenreißen ist eine Leistung, die entweder mit einem positiven Ergebnis oder mit dem Erhalt der Würde belohnt wird. Man hat sich zusammengerissen und es wenigstens versucht. Ich habe mich z.B. mit 14 Jahren heftig zusammengerissen. Richtig krass zusammengerissen. Im Sport. Es ging um die Niedersächsische Mannschaftsmeisterschaft in der Leichtathletik. Im abschließenden Lauf über 1000 Meter ging es für unsere Mannschaft um den Titel. Ich war der einzige Läufer, der mit der starken Konkurrenz aus Wolfsburg mithalten konnte. Einer gegen drei. Bei der 800 Metermarke wurde ich in die Zange genommen, kam auf die Betonbegrenzung der Tartanbahn. Hörte es krachen. Spürte einen scharfen Schmerz. Scheiß drauf. Ich riss mich zusammen. Biss die Zähne aufeinander. Zog durch. Persönliche Bestzeit. Zwar hinter den Läufern aus Wolfsburg. Aber die Punkte reichten. Landesmeister mit der Mannschaft. Und ein gebrochener Knöchel. Sechs Wochen Gips. Aber ich hatte mich zusammengerissen. Hatte durchgezogen. Meine Leistung wurde in der Zeitung erwähnt. Für einen ganz kurzen Moment war ich der Held.

Sich zusammenreißen. Das scheint häufig damit einherzugehen, dass man eigene Interessen opfert. Zumindest für eine Weile. Für was auch immer. Das muss nichts schlechtes sein. Aber dennoch. Was ist das für ein merkwürdiges Wort? „sich zusammenreißen.“ Wie soll das überhaupt gehen? Einreißen, abreißen, aufreißen, niederreißen, runterreißen, verreißen, auseinanderreißen. Die meisten Wörter, die mit reißen zu tun haben, sind negativ konnotiert. Herr Trump z. B. reißt Familien auseinander. Mit dem Einreißen von Mauern, was ja ganz schön ist, hat er es nicht so. Wie auch immer. Ob auseinanderreißen oder einreißen. Beides folgt einer semantischen Logik (Semantik=Sinn, Bedeutung von Wörtern). Aber zusammenreißen? Wie soll das gehen? Wie kann ich etwas oder auch mich ZUSAMMENreißen. Muss ich mich dazu erst auseinanderreißen? Im Englischen gibt es kein „reiß dich zusammen!“ Dafür aber „put your shit together!“ DAS finde ich mal ehrlich. Im Lateinischen, da kenne ich mich aus, gibt es ebenfalls kein „sich zusammenreißen“. „rumpere“ heißt „reißen“, die Vorsilbe „con-“ zusammen. „conrumpere“ oder in anderer Schreibweise „corrumpere“ heißt allerdings nicht „zusammenreißen“, sondern „verderben“, „zerstören“, „verführen“, „verleiten“. Tja. Selbst die disziplinierten Römer hatten kein Wort für „sich zusammenreißen“.

Die Etymologie, die Geschichte des Wortes gibt Aufschluss. Jacob und Wilhelm Grimm beschreiben „zusammenreiszen“ als anderes Wort für „zusammenraffen“ und führen als Beleg Goethe ins Feld. Die beiden Grimms kennen also „sich zusammenreißen“ noch nicht. Aber Konrad Duden. Der natürlich. Laut Duden ist „sich zusammenreißen“ ein starkes Verb, dem umgangssprachlichen Milieu zuzurechnen. Ein Synonym für ’sich energisch zusammennehmen.‘ Und der Soldatensprache zugehörig: ‚die Hacken zusammenreißen, so dass ein lautes Klacken erklingt.‘ Klar. Die Hacken zusammenschlagen reicht nicht. Der deutsche Soldat reißt die Hackem zusammen. Und nicht nur das. Der deutsche Soldat reißt auch die Herzen zusammen, wie es in einigen ziemlich kitschigen Zeilen heißt:

Die Zeit der blutgetränkten Tage ist da!/ Nun schweigt von Tod und Totenklage! Der Tag will nur ein Wort: Hurra!/ Die Herzen zusammengerissen,/ Die Zähne zusammengebissen/ Und vorwärts und Hurra!

Die netten Zeilen sind Teil der Novelle „Wolf Eschenloh“ des Schriftstellers Walter Flex (*1878). Flex hatte sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet und Unmengen nationalistischer Kriegslyrik geschrieben, die in auflagenstarken Zeitungen veröffentlicht wurde und entsprechend populär war. Mit seinem autobiographisch gefärbten kriegsverherrlichenden Roman „Der Wanderer zwischen zwei Welten“ wurde der heute fast vergessene Flex zum Literaturstar. Es war das erfolgreichste Buch im ersten Weltkrieg und prägte die Generation, die zwischen den Kriegen geboren wurde. Man mag es nicht glauben, aber es entsprach offenbar dem Geist der Zeit. Flex selbst hatte nichts mehr von seinem Durchbruch als Literat. Er wurde 1917 schwer verwundet und starb. Auf seinem Grabkreuz steht: „Wer auf die Preußische Fahne schwört, hat nichts mehr, was ihm selber gehört.“ Na dann.

„Sich zusammenreißen“ steht offenbar in einer kriegerischen Tradition, die ihre Wurzeln im ausgehenden 19 Jahrhundert hat. Es geht um den Kampf. Den Kampf gegen sich selbst. „Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“, schrieb Viktor Klemperer in der Lingua Tertii Imperii (LTI), einem Buch über die Sprache der Nationalsozialisten. Es gibt viele dieser Wörter, die wie Phantome, wie ein Schatten der Vergangenheit durch unsere Sprache geistern und ihre kleine Dosis Gift hinterlassen. „Hart sein gegen sich selbst.“, gehört auch in diesen Kontext. Wie oft habe ich als Kind und Jugendlicher von meinem Vater gehört: „Du musst hart sein gegen dich selbst.“ Mein Vater war immer hart gegen sich selbst. Himmler hätte ihn dafür bewundert. Ja, ich meine den Himmler, der ganz in preußischer Tradition moralisch Verwerfliches und psychisch Belastendes in die Tugend der Härte gegen sich selbst verwandelte. Werft einen Blick in Himmlers Reden, in denen er beschreibt, dass die SS Härte gegen sich selbst gezeigt habe und nur durch diese Härte das Notwendige habe tun können: Tausende exekutieren. Mein Vater war in einem preußisch und nationalsozialistisch geprägten Elternhaus aufgewachsen. Er kannte als Kind nichts anderes als sich zusammenreißen und hart sein gegen sich selbst. Ich glaube nicht, dass ihm bewusst war, in welchen Traditionen er zu seinem eigenen Kind sprach. Ich habe ja auch meine Zeit gebraucht, um zu verstehen.

Aber zurück zum Ausgangspunkt. Sich zusammenreißen. Wird Menschen mit Depressionen gerne geraten. Reiß dich zusammen. Nimm dich zusammen. Sei hart gegen dich selbst. Ungefähr jeder fünfte Deutsche glaubt, dass sich zusammenreißen ein Heilmittel gegen Depressionen ist. Tja. Wenn es danach geht, was die Menschen glauben. Jeder dritte Deutsche glaubt, dass Charakterschwäche eine der Ursachen von Depressionen ist. Trotzdem in einem haben sie recht. Es funktioniert. Das sich zusammenreißen. Es fühlt sich für mich sogar gut an, denn es ist das, was ich kenne. 2017 z. B. geht um mich herum die Welt unter. Mein Vater liegt im Sterben, meine Mutter ist wahnhaft depressiv. Ich werde zerissen zwischen der Verantwortung für meine Eltern, für meine Kinder aus erster Ehe, für Adina, für Jenke, meinen Job, meine Schüler*innen. Ich funktioniere. Irgendwie. Weiter. Und es fühlt sich immer noch gut an. Diese Härte gegen mich selbst. Sie macht mich größer als die anderen. Glaube ich. Ich halte mehr aus und leiste mehr als andere. Und die Härte macht die Gefühle platt: Trauer? Wut? Angst? Ich doch nicht. Ich reiße mich zusammen. Bin hart gegen mich selbst. Wie gesagt. Es funktioniert. Aber der Preis ist hoch.

Ich mache nicht nur einige Gefühle platt, sondern auch einen Teil von mir selbst. Ich verbiete dem Teil von mir, der fühlen will, zu sein und zu leben. Und wenn dieser Teil abstirbt, dann sterben nicht nur die Trauer, die Wut und die Angst. Es sterben auch die Freude, die Zufriedenheit und die innere Ruhe. Plötzlich fühle ich nichts mehr. Dann kommt die Leere. Und mit der Leere kommt die Depression.

Mittlerweile weiß ich das, aber die alten Muster funktionieren gut. Immer noch gehe ich über mein Limit. Vor allem wenn jemand (ja gut, oft bin das ich selbst) den Verantwortungs-Knopf drückt. Müsste ich mich nicht mehr um unser Haus-Projekt kümmern, einen Job suchen, mit Jenke und Mio spielen, Adina mehr Arbeit abnehmen.

BEEEEP. BEEEEP. BEEEEP. heult in meinem Kopf die Alarmsirene und ruft den allzeit bereiten Dr. Rücker zu den Waffen. Allein gegen den Rest der Welt! In dem Moment klopft der Kleine Nils, der mit dem Sich-Zusammenreißen keine so gute Erfahrungen gemacht hat, vorsichtig an und fragt, ob… Zack wird er zur Seite geschoben. Muss mich kümmern. Muss mich zusammenreißen. Keine Zeit jetzt für Gequatsche. Vorschlagen wollte der Kleine Nils, eine Sache und die mit ganzem Herzen zu machen. Möglichst die, auf die er gerade am meisten Lust hat. Er kann dann nämlich den Schwung mitnehmen für die Sachen, die ihm keinen Spaß machen. Aber wie gesagt. Keine Zeit für Gequatsche. Alles auf einmal. Hart gegen mich selbst. Zusammengerissen. Der Kleine Nils kauert in einer Ecke. Das Gesicht in den Händen.

Ergebniss des Zusammenrisses…

Den Preis zahle ich nach spätestens zwei Tagen. Ich bin überreizt. Jedes Wort von den Kindern oder Adina ist eines zuviel. Ich komme morgens nicht hoch. Muss mich nach dem Frühstück hinlegen. Nichts geht mehr. Und dann schlägt er zu. Mein innerer Hater: „Versager. Du kriegst nichts auf die Reihe. Nichtmal die einfachsten Sachen. Du bist scheiße. Du bist nicht liebenswert. Und nicht lebenswert.“ So geht es in einer Tour. Einen Abzweig aus dieser Tour zu finden ist anstrengend für Körper und Geist. Laufen hilft. Radfahren auch. Malen. Das Papier unter den Fingern spüren. Die Wut und Verzweiflung durch Farbe zum Leuchten bringen. Den Kleinen – kreativen – Nils wertschätzen.

Ich kann mich nicht mehr zusammenreißen. Ich will es nicht mehr. Denn es richtet sich gegen mich selbst. Aber was ist die Alternative? Ich glaube, meine Alternative ist. Auch wenn es schwer für mich ist. Nicht das tun, was das überhöhte Moral- und Tugendverständnis meines Elternhauses erwartet, nicht das zu tun, was andere von mir brauchen. Sondern das tun, was mir gut tut, was ich zu einem erfüllten Leben brauche. Und schon höre ich mich schreien: „Egoismus!!!“ Egoismus. Die todsündigste (ich will auch Wörter neu erfinden!) aller Todsünden. ‚Wo kämen wir hin, wenn alle nur noch das täten, was ihnen gut tut? Das wäre das Ende der Gesellschaft. Es gibt ein höheres Gut.‘, höre ich meinen Vater, und einen Teil von mir, sagen.

Ich glaube das nicht. Nicht mehr. Das ist jetzt keine große Überraschung, oder? Darauf achten, was mir gut tut. Das heißt nichts anderes, als mir und meinen Befürfnissen mit Empathie zu begegnen. Empathie mir selbst gegenüber ermöglicht, dass ich Empathie für andere fühle. Anders gefragt: Wie soll ich mit anderen mitfühlen, wenn ich nicht mit mir selbst mitfühlen kann? Ja. Ich weiß. Meine Griechisch-, Latein-, und Philosophieprofessoren, allen voran der GröPhaZ (Größter Philologe aller Zeiten) aus Bamberg. Sie alle würden das kalte Grausen kriegen. ‚Herr Dr. Rücker. Denken Sie doch an das, was die Stoa lehrt: Gemeinwohl steht immer über dem eigenen Wohl. Oder an den Begriff des Ehrenvollen, wie ihn Aristoteles lehrt. Sie sind auch schon verdorben von der modernen Psychologie. Sie haben kein Recht darauf glücklich zu sein. Wir sind auch nicht glücklich.“ (Nein, das habe ich mir nicht ausgedacht. Ich habe solche Gespräche mehr als einmal geführt. Mehr oder weniger freiwillig.) Ich könnte jetzt mit Epikur antworten, der nichts anderes lehrte, als sich selbst gegenüber empathisch zu sein. Aber ich höre schon die gelehrten Herren: ‚Epikur hat sich über die Zeiten nicht umsonst nicht durchgesetzt. Die Stoa und Aristoteles schon.‘ Also gut,‘ antworte ich. ‚Dann eben Jesus und Buddha. Andere fallen mir gerade nicht ein. Die haben sich durchgesetzt.‘ Schweigen.

Ich glaube tatsächlich, dass es auch unserer Gesellschaft besser ginge, wenn wir alle uns nicht ständig zusammrissen und immer härter würden, sondern mehr darauf achteten, wie es uns geht, was uns gut tut, wie wir ein erfülltes Leben leben können. Einen Versuch ist es wert. Für mich zu mindest.

Und zum guten Schluss für heute, weil Worte auch wie winzige Dosen Sonnenlicht sein können. Man merkt es kaum, aber sie hellen auf. Zum Schluss für heute also einen Satz des Schweizer Aphoretikers Kurt Marti:

„Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.“

2 Kommentare zu „Wortgeschichten – Sich zusammenreißen

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