Die Agentur. Teil 1

Großer Kasten auf Brache. Quadratisch praktisch gut. Moderne Plattenbaufassade. Ziegelfarben. Dunkelbraune Fensterreihen. Am obersten Stock prangt überlebensgroß das A in Karmesinrot. Es beißt sich mit der Fassade. Die Agentur für Arbeit in Ossendorf versprüht den Charme eines sozialistischen Verwaltungsgebäudes aus den 1960er Jahren. Es ist Anfang Mai. Es regnet in Strömen. Ich habe Schweiß auf der Stirn, als ich, vorbei an einem schrottreifen Imbisswagen, die Stufen zum Eingangsbereich hinaufgehe. Stressschweiß. Stress. Angst. Druck. So mag ich das. Im Eingangsbereich ein Schild: „Willkommen im Kundenbegrüßungszentrum.“ Die Mitarbeiter_innen sitzen in Einzelkabinen. Hinter Panzerglas prüfen sie Ausweise. Niemand lächelt. Nicht vor, nicht hinter dem Glas. Ein bemühter älterer Herr von der Security weist mir den Weg zu den Fahrstühlen. „Zur Antragsbearbeitung. 5. Stock. Nach rechts. Gebäudeteil F.“ In meiner Tasche wiegt er schwer. Der Antrag auf ALG I.

Gut erinnere ich mich an meinen ersten Termin in der Kölne Agentur. Keine zehn Minuten saß ich im Wartebereich des Kundenbegrüßungszentrum. Graue, abgenutzte Auslegeware. An den Wänden Kritzeleien mit Edding und Kuli. Die Hütte war kein Jahr alt. Frustration und Hoffnungslosigkeit. Mehr fiel mir dazu nicht ein. Die LEDs in strahlendem Kaltweiß taten ihr übriges. Kundenbegrüßungszentrum. Irgendwer hatte Sinn für Ironie. Nach zehn Minuten saß ich vor meinem Kundenberater. In einem Großraumbüro. 200 Plätze oder mehr. Am Nebentisch eine Diskussion. Der Berater, seine Kundin und ihr Dolmetscher kamen nicht weiter. „Sie wissen, dass sie hoffnungslos überqualifiziert sind?“ unterbrach mein Berater meine Gedanken. „Für Leute wie sie haben wir nichts. Es geht meinen Vorgesetzten nicht darum, sie in einen vernünftigen Job zu vermitteln. Es geht darum, sie aus der Statistik zu bekommen. Ich habe hier jeden Tag Menschen wie sie. Jung. Hoch qualifiziert. Schwer krank. Ausgesteuert von der Krankenkasse. Wo soll das hinführen? Gesund werden sie nicht, so lange sie in unseren Fängen sind.“ Prasselten die Sätze auf mich ein. Immerhin. Er war ehrlich. Desillusioniert verließ ich die Agentur.

Drei Wochen später folge ich einer jungen Frau durch lange Gänge. Graue, abgenutzte Auslegeware überall. Wer plant so? Wie schaffen die das? Oder kauft man das in Läden, die auf Teppiche in Mausgrau mit Vintagelook spezialisiert sind? Die junge Frau führt mich in einen Raum. Ich schlucke. Vor mir sitzt eine ebenso junge Frau. In violetter Daunenjacke. Die Rollos vor den Fenstern sind heruntergelassen. Einzige Lichtquelle ist ein Bildschirm. „Herr Rücker? Unterlagen. Bitte. Ich hoffe, Sie haben alles.“ Drei Minuten später. „Ich bewillige hiermit ALG1. Sie bekommen schriftlichen Bescheid. Die Auszahlungssumme kann abweichen. Tschüß.“ Auf der Zunge liegt mir: ‚Sie bewilligen mir ALG1? Ich dachte, das stünde mir zu. Und sie prüfen, ob meine Angaben richtig sind. Oder geht das Geld direkt von ihrem persönlichen Konto ab?‘ Aber ich sage nichts. Nur Tschüss. Verlasse den Raum. Das Gebäude. Kaufe am Imbisswagen grauenhaften Kaffe. Wer keine Depressionen hat, bekommt sie spätestens jetzt. 45 Minuten gehe ich durch strömenden Regen. Gereinigt. Und traurig komme ich zu Hause an.

2 Kommentare zu „Die Agentur. Teil 1

  1. So ist das ziemlich oft in großen Städten. Hier bei uns (LK Verden) ist das Arbeitsamt aber ganz anders. Die Wände sind rot verklinkert und die Mitarbeiter nicht so abgestumpft und sehr nett. Auch haben alle Sachbearbeiter:innen ein eigenes Büro.

    Stell dir mal vor, du müsstest jeden Tag in den Bunker, den du beschrieben hast. Die Mitarbeiter dort tun mir ziemlich leid. Sie sind neben der grauen Umgebung auch immer in einer Zwickmühle zwischen Dienstanweisung, Gesetz und Mitgefühl gefangen. Ich kenne das aus Berlin. Es ist auch gar nicht so selten, dass sie mit zwielichtigen Gestalten zu tun haben. Und ja, die Bewilligung erfolgt durch das Personal. Dazu ist es verpflichtet, wenn der Antrag korärent ist. Das Wort sollte man nicht nach allgemeinem Sprachgebrauch oder semantisch bewerten. Es ist einfach nur ein Rechtsbegriff der ausdrückt, dass die Prüfung der Angaben und Sachlage positiv erfolgt ist.

    Die Mitarbeiter:innen haben kaum etwas konkret selbstwertförderndes in ihrem Job. Das ist vergleichbar mit der Arbeit am Sortierfliessband. Da gibt es keine oder kaum Erfolgsmomente. Daher gibt es eine Tendenz dazu, die eigene Arbeit künstlich aufzuwerten und statt zu sagen: „Hier ist ihre Bewilligung“ gibt es dann halt ein „Ich bewillige“. Meist entsteht das nicht durch eine überlegte Entscheidung, sondern erfolgt automatisch per ‚Gruppenzwang‘ oder es gibt empfohlene Sprachregelungen.

    Ich würde mir wünschen, dass bald das Bedingungslose Grundeinkommen eingeführt wird, das die Verarbeitung betreffend auch gleich das ALG 1 mit erfasst. Der abermillionenfach verordnete Downer, der bei jedem Besuch dabei ist, insbesondere, wenn es um ALG 2 geht, hört dann endlich auf. Für die Behördenmitarbeiter:innen wäre es dann auch alles erträglicher. Vielleicht kann der Antragsprozess in Zukunft auch automatisch erfolgen. Eigentlich müsste die Digitalisierung und die damit verbundene gute Vernetzungsinfrastruktur das ermöglichen (Arbeitgeber funkt bei Kündigung direkt ans Amt und die Arbeitslosen bekommen einfach nur einen Brief, der zu quittieren ist, nebst Angabe des Girokontos.).

    Manchmal frage ich mich allerdings, ob das nicht alles Absicht ist und künstlich Hürden gebaut oder aufrechterhalten werden, um Berechtigte davon abzuhalten ihre Ansprüche geltend zu machen. Es gibt gar nicht so wenige Leute, die lieber Mülleimer nach Pfandflaschen durchsuchen, als sich in die Behördenmühle zu begeben.

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    1. Hallo Anarchrist, bitte nicht falsch verstehen. Ich sehe es ganz ähnlich, die Menschen, die dort arbeiten müssen, tun mir auch leid. Trotzdem denke ich, dass ein gewisses Maß an professioneller Höflichkeit dazu gehört. Und, vielleicht habe ich das nicht klar genug zum Ausdruck gebracht, der Ton macht ja auch die Musik. Und wenn mir mehr oder weniger entgegengerotzt wird: „Ich bewillige ihnen… bla, bla, bla.“, dann könnte mir manchmal die Hutschnur platzen. Dass das ganze System „Arbeitsamt“ darauf angelegt ist, dass keine Vertrauensbasis entstehen kann – keine Frage! Beste Grüße, Nils

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