Vertrauen. Oder: Weil ich ich bin.

Neulich fragte mich meine Therapeutin Frau S., wie es kommt, dass ich so ein tiefes Vertrauen zu anderen Menschen fassen kann. „Mich wundert das wirklich, Herr Rücker. Bei den Dingen, die sie erlebt haben, als sie ein kleines Kind waren, würde man denken, dass sie nicht mehr vertrauen können. Woher nehmen sie ihr Vertrauen zu anderen Menschen?“ Sie hat Recht mit ihrer Beobachtung. Wenn ich mich auf einen Menschen einlasse, dann ganz oder gar nicht. Na gut. Das stimmt natürlich nur halb. Im Berufsleben z. B. muss ich mich auf andere einlassen, aber behalte mein Vertrauen bei mir. Auch um mich zu schützen.

Aber dennoch stimmt es. Ich vertraue, wie soll ich sagen, in die Tiefe. Trotz der Dinge, die ich als kleines Kind erlebt habe. Trotz der Dinge, die mir angetan wurde. Und ich habe nie damit aufgehört. Obwohl meine Eltern sich lustig machten: „Nils ist ein treudoofes Schaf.“ habe ich die Stimme meiner Eltern und vieler anderer im Ohr. „Du machst dich verletzlich, wenn du anderen vertraust. Ich vertraue niemandem mehr. Ich bin mir selbst genug.“, sagte mein Vater vor einigen Jahren zu mir. Wie verletzt muss er gewesen sein, um so durchs Leben zu gehen.

Vertrauen also. Frau S. erwischte mich, wie es eine gute Therapeutin eben tut, voll mit ihrer Frage. Woher nehme ich mein Vertrauen? Antworten gingen mir durch den Kopf. Ich sah das großformatige meerblaue Bild an der Wand, das ich stundenlang hätte betrachten können ohne müde zu werden. Ich dachte an die Musik, aus der ich immer wieder Kraft zog. Und ich dachte an meine Bücher, die für mich mehr sind als Bücher. Sie sind mir Begleiter, die mich in andere Welten versetzen, die mir Universen öffnen. Aber das war nicht alles. Tagelang geisterte die Frage durch mein Kopf. Sie wurde weit. Warum bin ich der, der ich bin? Wer bin ich?

Während einer Meditation breitete sich dann eine sehr frühe Erinnerung wie eine Welle, wie Licht in mir aus. Meine Sandkastenfreundin Frauke und ich liegen auf dem Bauch im Gras im Garten ihrer Oma unter einem Baum und beobachten zwei Schnecken, die langsam über das Gras ziehen. Ihre Fühler wandern langsam von links nach rechts, berühren einzelne Grashalme, ziehen sich zurück, kommen wieder zum Vorschein. Ich fühle tiefe Verbundenheit. Ich fühle, dass alles mit allem verbunden ist. Die Erinnerung ist Licht für mich. Das ist der kleine Nils in seinem Kern. Der kleine Nils, der sehr früh sehr viel Leid erfahren musste. Der dennoch wusste, dass er tief in seinem Innern immer mit allem verbunden sein würde, dass da immer Licht sein würde. Und der das irgendwie auch an den großen Nils weitergegeben hat.

Vielleicht ist es das, was mich vertrauen lässt. Was mich so enge Bindungen zu meinen Freundinnen und Freunden eingehen lässt. Was mich auch in ihnen Licht sehen lässt. Vielleicht ist es also so, dass ich vertraue, weil ich ich bin.

4 Kommentare zu „Vertrauen. Oder: Weil ich ich bin.

  1. Hallo Nils,
    ich heiße Toralf und bin seit dem 24.03.2014 erkrankt. Der Kontakt zu Gleichproblematisierten, aber auch der offene Umgang mit Nichtbetroffenen ist mir wichtig. Auch ich habe das Schreiben für mich entdeckt. So setze ich täglich einen 8-Zeiler bei WhatsApp rein. Natürlich in reimform und mit allem, was ich den Tag über gemacht, erlebt und ganz wichtig, was ich gefühlt habe. Wenn ich mir diese Ergüsse später noch mal ansehe, ist es teilweise erschreckend, was da manche Tage abgegangen ist. Einige sprechen mich auch darauf an, was ich da doch schon wieder schreckliches dargelegt hätte und so schlimm würde es schon nicht sein. Wenn ich denen dann sage, dass sie da an einigen Tagen eigentlich nur eine stark abgemilderte Version zu lesen bekommen haben, stellt sich sehr schnell betretene Ruhe ein. Ich bin sehr gerne Fahrrad gefahren, habe dieses aber jetzt gänzlich eingestellt. Es bringt mir nichts, wenn ich bei der schönsten Therapie ständig Panikattacken bekomme und dann nicht mehr in der Lage bin, weiter zu fahren. Ich habe während meines letzten Klinikaufenthaltes auch das Malen für mich entdeckt. Wenn mir so ist, einfach an die Staffelei setzen und zum Ausdruck bringen, was gerade so ungewollt und ungeplant aus dem Handgelenk kommt.
    Eine Krankheit zu haben, bei der man keinen Gips, keinen Verband, ja, nicht mal ein Pflaster trägt, ist, zugegebenermaßen, für das Umfeld schwer zu erkennen und noch viel schwerer, damit irgendwie umzugehen. Selbst ich, der bis zu einem gewissen Zeitpunkt dachte, alle Facetten der Depression zu kennen, lerne täglich neu hinzu… Ich hab für mich die Ansichten und Weisheiten des Buddhismus entdeckt. Da steckt so viel Erkenntnis und Wahrheit drin. Einfach Dinge annehmen können, die man sowieso nicht ändern kann, so sehr man sich auch anstrengt. Ich kann weder die Vergangenheit, noch die Zukunft verändern, sondern nur in der Gegenwart leben und diese bestmöglich gestalten.

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    1. Hallo Toralf, danke für deine Offenheit! Ich glaube, ich kann gut nachvollziehen, wie es dir manchmal geht; gerade auch, wenn es um Reaktionen aus dem Umfeld geht. Ich hoffe sehr, dass du irgendwann wieder zum Radfahren findest. Ich meditiere ziemlich viel. Da steckt natürlich viel Buddhismus drin, aber ich glaube, ich nehme da immer das, was zu mir passt. Liebe Grüße und alles Gute! Nils

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