Glaubenssatz

Fatigue

Dezember. Es ist feucht und trübe und seit 15:00 Uhr so dunkel, dass ohne Licht nichts geht. Ist es die Post-Covid-Fatigue, die Müdigkeit, die mich niederdrückt. Ist es das Wetter oder eine Kombination aus beidem? Eine Fatigue ist merkwürdig. Ich will Dinge tun, ich habe den Antrieb. Ich will mit dem Rennrad raus, ich will im Wald laufen, etwas mit den Kindern unternehmen. Mein Körper lässt es nicht zu: Sobald ich mehr als zwei Stunden am Tag spazieren gehe, sobald etwas Stress dazu kommt, drückt mein Körper den Ausknopf. Meistens am späten Nachmittag. Meine Beine werden wackelig. Bleierne Müdigkeit umgibt mich. Rien ne va plus. Ich lege mich hin. Ich schlafe nicht, sondern bin in einer Zwischenwelt, nicht ganz weg, aber auch nicht ganz da. Musik hilft. Ich kann mich auf sie konzentrieren und bin nicht in einer Welt zwischen Schlafen und Wachen gefangen. Nach einer Stunde wird es besser. Meistens.

Angst

Bildgewordene Angst

Die Fatigue macht mir Angst, weil sie so plötzlich kommt; noch mehr, weil ich fürchte, dass die Depression sich in ihr versteckt. Die Symptome ähneln sich: Ich bin erschöpft und bedrückt und weiß irgendwann nicht mehr, was zuerst da war: das Erschöpft- oder das Bedrücktsein. Wenn ich erschöpft und bedrückt bin, beginnt das Gedankenkreisen. Der erste Gedanke: Ich müsste doch eigentlich. Löst ein leichtes Ziehen im Bauch aus. Der zweite Gedanke: Ich bin zu weich und nicht hart genug. Mein Hals wird eng. Der dritte Gedanke: Ich bin nutzlos. Meine Schultern krampfen. So dreht sich die Spirale in immer engeren Schleife, biss eine Panikattacke anflutet. Die Angst wird übermächtig. Ich bin an einen Punkt gekommen, an den ich nicht mehr kommen will, an den ich aber immer wieder komme. Die Fatigue rollt der Panik den roten Teppich aus. Immerhin weiß ich aus Erfahrung, dass die Panik abebben wird. Und ich weiß, was hilft.

Was hilft?

Weilerwäldchen ohne Regen

Raus. Gehen. Toll. Es regnet. Hilft alles nichts. Ich ziehe mir meine Jacke an und werfe mich in den Regen. Irgendwann komme ich zum See, lasse ein paar Steine flitschen. Immer wieder derselbe Vorgang – Flitschstein aufheben, ausholen, den Arm nach Vorne schnellen, das Handgelenk umklappen lassen, beobachten, wie der Stein auf dem Wasser auftischt, kreisförmige Wellen zieht. Die wiederholte Bewegung und die Wellen haben etwas meditatives. Ich werde ruhiger, gehe weiter, lasse den Edeka und die 1000 Jahre alte Martinuskirche, die auf den Grundmauern einer noch älteren römischen Villa steht, hinter mir. An der Autobahnbrücke schlage ich mich durch die Hecke und lande auf einem verschlammten Acker. Das Rauschen der Autos im Regen ist unglaublich laut. Einige Raben hocken auf dem Acker. Irgendwelche Idioten haben Altreifen und Farbeimer in einem Gebüsch entsorgt. Endlich komme ich ins Weiler Wäldchen. Das Blätterdach hält den Regen ab und dämpft das Rauschen der Autobahn. Ich beginne nachzudenken.

Glaubenssatz

Woran liegt es, dass der Gedanke, nicht arbeiten zu können, untertäglich für mich ist? Warum glaube ich, dass ich nutzlos bin, wenn ich nichts leiste? Es ist ein Glaubenssatz, eingeprägt in meiner Kindheit. Meine Aufgabe ist es, für andere da zu sein, Leistung zu bringen. Wenn ich diese Aufgabe nicht in Vollkommenheit erfülle, bin ich nichts wert. Es sind keine Gefühle, es sind Gedanken, die mich in ein tiefes Loch stürzen. Das Erstaunliche ist: Ich verbinde kein Gefühl damit, nur körperliche Symptome: das Ziehen in der Magengegend, die Enge im Hals, die Verspannungen in der Schulter. Körperliche Ausdrucksformen der Angst. Ich habe Angst, dass die Hölle über mich hereinbricht, dass alles endet, wenn ich nichts leiste. Es ist nicht nur Angst. Es ist eine tiefe Gewissheit. Und da beginnt das nächste Problem: Angst ist nicht erlaubt in meiner Welt; ebensowenig wie Wut und Trauer erlaubt sind. Deswegen reagiert mein Körper, sobald ich an meinen nicht vorhandenen Nutzen und meine Angst denke. Auch jetzt: Ich fühle mich wie abgeschnürt – und erinnere mich an den Erwachsenen, den denkenden, empathischen Menschen, der ich bin. Ich kann der Angst etwas entgegensetzen. „Entspann dich,“ sage ich im Stillen, „Du musst nichts leisten. Das Leben ist keine Aufgabe. Was soll passieren, wenn du nichts leistest? Die Hölle wird nicht über Dich hereinbrechen, die Welt nicht untergehen. Zumindest nicht deshalb.“ Ein wenig muss ich lächeln angesichts des blödsinnigen Größenwahns, dass die Welt untergeht könnte, wenn ich nichts leiste. Aber es ist ja nicht irgendeine Welt, sondern meine Welt, die untergeht. „Auch Deine Welt wird nicht untergehen,“ sage ich zu mir. „Im Gegenteil, deine Welt wird in einem anderen Licht leuchten, wenn du nichts leistest. Hör‘ auf den fallenden Regen und spür‘ die Tropfen. Du lebst. Das ist es, was zählt.“ Ich sage mir die Dinge, die ich anderen, denen es ähnlich geht, sagen würde , die ich anderen schon gesagt habe. Es ist sehr schwierig, aber der Gedankensturm legt sich.

Erinnerungen

Der Zorn meiner Mutter

Ich bin nicht sicher, wie diese Glaubenssätze ein so starkes Eigenleben entwickeln konnten, dass sie ungebunden und unverbunden in meinem Inneren marodieren. Ich erinnere mich nicht, dass meine Eltern zu mir gesagt haben, dass ich nutzlos oder wertlos bin. Allerdings erinnere ich mich an andere Dinge: z. B. an die emotionale Kälte, die häufig von meiner Mutter ausging. Und ich weiß, dass meine Mutter mit sehr ähnlichen Glaubenssätzen aufwuchs. Sie führten ein so starkes Eigenleben, dass sie, um die Glaubenssätze in ihr Selbstbild integrieren zu können, verschiedene Rollen entwickelte und sich, wenn ihr Selbstbild mit der Außenwelt nicht mehr in Übereinstimmung zu bringen war, eine eigene Realität schuf. Sie wurde wahnhaft. Was sie in diesem Wahn tat, ist unsagbar für mich. Es ist unsäglich.

Auch wenn es der Wahn war, der sie so handeln ließ, wie sie handelte, auch wenn sie nichts dazu konnte, konnte ich schon gar nichts dazu. Ich war ein Kind, das Schutz gebraucht hätte, aber keinen Schutz bekam. Weder von seinem Vater noch vom Umfeld seiner Eltern. Mit einem Vorfall, der mich ins Krankenhaus brachte, überspannte meine Mutter schließlich doch den Bogen. Es kam zur Trennung für ein Jahr. Ich blieb bei meinem Vater. Die absolute Ausnahme Anfang der 80er in einem kleinen Dorf im Nirgendwo. Meine Erinnerungen an diese Zeit sind bruchstückhaft. Weihnachten kommt mir in den Sinn: Ein Bagger aus Holz mit einem komplizierten Seilzugsystem, ein Drehleiterwagen mit Martinshorn und Blaulicht. Die Erinnerungen sind verschwommen. Ich war auch gerade erst drei Jahre alt. Nach einem langen stationären Aufenthalt in einer Psychiatrie weit weg von meinem Zuhause nahm mein Vater meine Mutter wieder bei sich auf.

Meine Eltern führten eine sehr anstrengende Beziehung. Mein Bild dafür ist, dass meine Eltern in einem Gummiband hängen, das zu einer liegenden Acht, einem Unendlichzeichen gelegt ist. Mein Vater auf der einen, meine Mutter auf der anderen Seite. Beide drehen sich mit rasender Geschwindigkeit um die Achse der liegenden Acht. Das Gummiband dehnt sich durch die Fliehkräfte bis aufs Äußerte. Es reißt nicht, weil ich die Achse bin. Ich halte beide Seiten. Meine Aufgabe ist es dafür zu sorgen, dass das System nicht auseinanderfliegt, dass es nicht zur Katastrophe kommt, dass die Hölle nicht über mich hereinbricht. Nicht noch einmal. Es ist keine Aufgabe für einen Dreijährigen. Niemand kann das dauerhaft leisten. Schon gar nicht ein Dreijähriger. Es erklärt die namenlose Angst, die auch heute noch kommt, wenn ich meine – vermeintlichen – Aufgaben nicht mehr bewältigen kann. Der Unterschied ist: Ich bin erwachsen, ich kann mich und den Dreijährigen, der immer ein Teil von mir sein wird, beruhigen. Die Welt wird nicht untergehen. Nicht, wenn ich eine Aufgabe nicht übernehmen kann. Nicht, wenn ich nicht arbeiten kann. Nicht, wenn ich nicht leiste. Ich darf mich entspannen.

Kein Weltuntergang

Ich erreiche nach meiner üblichen Runde den Waldrand und trete hinaus in den Regen. Das Rauschen der Autobahn ist wieder da. Der Acker liegt vor mir. Die Wolken hängen tief. „Bonjour Tristesse“ steht in riesigen Graffiti-Lettern auf einer Brandschutzwand in Berlin Kreuzberg. Die Künstler waren offensichtlich noch nie auf einem Acker im Kölner Umland im Dezember. Aber die Raben haben trotzdem gute Laune und hüpfen auf ihre unnachahmliche Weise mit kleinen Sprüngen über den Acker. Ich beschließe, ebenfalls gute Laune zu haben. Die Welt geht nicht unter.


Ein Kommentar zu „Glaubenssatz

  1. Hallo, lieber Nils! Herrlich, dich wieder lesen zu dürfen! Leistung, persönlicher „Wert“ und Identität…. Bei deinem Text ist mir direkt ein Gedanke gekommen, den ich gerne teilen würde. In industrialisierten Gesellschaften, saugt man man die Formel “ Arbeitsfähigkeit=Wert“ ja perse schon mit der Muttermilch ein. Möglicherweise bewerten wir genau deshalb-zumindest im Sprachgebrauch- , unsere selbstverständliche kindliche und emotionale Überforderung -bis hin zur Vernichtungsangt- als “ mangelnde Leistungsfähigkeit“ . Mangelnde Leistungsfähigkeit? Was für ein ökonomischer Begriffe für GEFÜHLE ! Und vielleicht reagiert unser Körper dann doch erstaunlich gut „ökonomisch“, in dem er einen längst überfälligen Widerstand setzt. Eine Verweigerung, die eigentlich mit drei oder in welchem Moment auch immer hätte sein müssen. Und da isser wieder der Gedanke: „ja, schön und gut, aber leider kann ich mir das als Erwachsener nicht leisten, auszufallen! „Leisten! Eben…. Ist an der Stelle die Depression nicht auch ein ganz klares Signal und eine Einladung den eigenen Rhythmus wieder finden zu dürfen?

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