Ausnahmezustand

Es ist kalt. Das erste Mal in diesem Jahr richtig kalt. -4 Grad Celsius. Der Wind macht es nicht wärmer. Zuhause haben wir die Grippe zu Gast. Erst waren die Kinder dran. Mio hatte drei Tage am Stück 40,5 Fieber. Jenke hat es nicht ganz so hart getroffen, aber auch er war platt. Dann kam ich an die Reihe. Jetzt liegt Adina mit Fieber im Bett.

Eine Woche Grippe. Wir waren alle kaum vor der Tür. Erste Anzeichen eines Lagerkollers, aber wirklich raus will ich mit den Kindern nicht bei der Kälte. Zu anderen können wir auch nicht. Ich will niemandem Weihnachten mit Grippe versauen, zumal fast alle unsere Freunde zu ihren Eltern und Schwiegereltern fahren. Die brauchen die Grippe auch nicht.

Ich fühle mich wie gefesselt, während die Kinder um mich rum toben und das Wohnzimmer in Sekundenschnelle verwüsten. Ich hatte gerade aufgeräumt. Ausnahmezustand. Andere Menschen halten andere Ausnahmezustände aus. In der Ukraine, in Eritrea, im Niger und an hundert anderen Orten auf der Welt herrscht Krieg. Im Mittelmeer ertrinken täglich Menschen. In der Sahelzone hungern die Menschen.

Trotzdem würde ich mich am liebsten mit einer großen Trommel auf den Balkon stellen, im Viervierteltakt darauf einhämmern und dazu „A-A-AUSNAHMEZUSTAND“ in die Nachbarschaft brüllen. Es ist definitiv zu kalt, um auf dem Balkon zu stehen. Ich muss mich bewegen, stelle mir vor, wie ich durch das Dorf laufe, die große Trommel vor den Bauch geschnallt, und „A-A-AUSNAHMEZUSTAND“ brülle. Trotz der Kälte schließen sich immer mehr Eltern an und ziehen mit mir Richtung Innenstadt. Genau wie wir leben sie in einem ständigen Zustand der Anspannung. In einem immerwährende Spagat zwischen Eltern-Sein und Berufstätig-Sein und Partnerschaft, die hoffentlich trägt und hält. Wo man selbst bleibt? Keine Ahnung.

Die meisten performen permanent, optimieren ihren Zeitplan. Nur als Beispiel: Mein Wecker klingelt um 4:50 Uhr. 40 Minuten später bin ich auf dem Rennrad unterwegs nach Düsseldorf. Um 7:00 sitze ich geduscht an meinem Arbeitsplatz. Um 15:30 stempel ich aus, wenn nichts anliegt (kommt selten vor). Um frühestens 17:00 dusche ich zum zweiten Mal an diesem Tag. Um 17:30 mache ich Hausaufgaben mit Jenke. Um 18:00 essen wir. Um 19:00 machen wir die Kinder fertig fürs Bett, um 20:00 mein Rad für den nächsten Tag. Wenn es gut läuft. Adina hat in der Zwischenzeit die Kinder zur Kita und Schule gebracht, beide wieder abgeholt, das Nachmittagsprogramm absolviert, das Essen vorbereitet. Ab 20:00 Uhr sitzt sie am Schreibtisch und bereitet den nächsten Tag vor. Ich hatte bei meinem Arbeitgeber um einen Tag Homeoffice gebeten. Entlastung für unseren Alltag. Aber Homeoffice ist in meinem Arbeitsgebiet nicht möglich, auch wenn ich selbst das etwas anders sehe als mein Arbeitgeber und ich immer wieder in Diskussionen über dieses Thema lande. Wir werden es weiter so schaffen müssen. Immer im Druck. Immer im Spagat. Immer am Limit.

Und nein. Wir haben es uns nicht ausgesucht. Das Arbeiten schon. Zumindest zum Teil. Wir arbeiten beide gerne, aber wir arbeiten auch, weil wir arbeiten müssen, weil wir ein Haus abbezahlen, weil es Strom- und Gasrechnungen gibt, weil wir einkaufen wollen. Das Übliche. Und ein paar Rücklagen bilden ist auch schön. Aber die Um- und Zustände haben wir uns nicht ausgesucht. Niemand aus meinem Freundeskreis hat es sich ausgesucht, dass der Notbetrieb in der Kita oft genug Regelbetrieb ist; dass die Kita oft genug um 15:00 Uhr schließt und nicht um 16:30; ebensowenig, dass viele Arbeitgeber nur auf dem Papier kinder- und familienfreundlich sind, weil es gut ankommt, sich das Etikett „familienfreundlich“ über die Eingangstür zu kleben.

Diese Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit trifft Männer und Frauen. Das alte Rollenklischee des männlichen Versorgers lebt in unseren Köpfen weiter, auch ich kann mich davon nicht frei sprechen. Es ist allgegenwärtig. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass Familienfreundlichkeit zwar häufig gefordert, aber selten gelebt wird. Kita, Schule, Erziehungsratgeber, Psychologie Heute, Menschen in meinem Umfeld wünschen sich moderne Väter, auch ich selbst wünsche mir moderne Väter, die nicht nur drei Monate Elternzeit nehmen, sondern sich wirklich um Kinder und Haushalt kümmern und gleichzeitig im Job performen. Ich wünsche mir das von mir selbst. Mütter haben es noch schwerer: Von ihnen wird nicht gewünscht, von ihnen wird erwartet, dass sie moderne Mütter sind, sich um Haushalt und Kinder kümmern, gute Partnerinnen sind und im Job performen. Das gelingt ihnen ziemlich gut. Kinder und Haushalt werden in erster Linie von den Müttern gemanagt. Neben dem Job und unentgeltlich. Auf die Dauer kann das nicht gut gehen. Der Preis für die ständige Performance am Limit ist hoch: wir werden ständig krank.

„Wieso schreibe ich das auf? Das ist längst bekannt.“, überlege ich, während wir mit immer mehr Menschen in Richtung Innenstadt ziehen. „Es interessiert nur keinen.“, es ist zum Heulen. In der Ukraine ist Krieg. Die Inflation steigt. Einige Witzfiguren planen den Umsturz mit Hilfe nicht so witziger Kommandosoldaten. Lang lebe der Kaiser! Die Energiekosten steigen. Im Mittelmeer ertrinken Menschen. Der Planet ist am Arsch. Und unsere Eltern hatten es schließlich auch nicht leicht. Trotzdem ziehen wir weiter und werden immer mehr. Nicht nur Eltern. Pflegekräfte, Lehrkräfte, unterbezahlte Wachdienstleute, Erzieher_innen, die Kölner Friseurinnung, Kleinkünstler_innen, Integrationshelfer_innen, Omas und Opas, … Menschen aller Couleur schließen sich uns an. Halb Köln ist auf den Beinen. Die Trommel schlägt im Takt. Es geht uns nicht um Protest. Wir wollen, dass sich etwas verändert. In den Köpfen.

So träume ich vor mich hin.

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